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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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Johannes Scherr ,

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bildeten" von Zeit zu Zeit bei einem Erröten überraschen lassen. Sohat er in den Damen Norddeutschlands eine ausharrende Leibgardegehabt, wie die Leihbibliotheken bezeugen können. Nun kannte erseine Eigenart und kultivierte sie, überbot sich in grotesken Wort-erfindungen, und das Publikum jauchzte, wenn es von derer-dezemberten Kaiserkrone" Napoleons III. hörte. Er überwürzte undüberpfefferte seine Sätze immer mehr mit grobkörnigen Wendungen,Archaismen, gesuchten Vergleichen im Stil des Jungen Deutsch-land ; und das wirkte um so pikanter, je mehr der Unentwegteinnerlich zahmer wurde, sich nicht nur (wie Rüge und Freiligrath )freudig zu 1870 bekannte, sondern auch dem eigentlichen Bismarck-knltus nahe kam. In philosophischen Dingen blieb er freilich deralte materialistischePfaffenhammer" und pessimistische Verächter desgrößten Teils der Weltgeschichte. Merkwürdigerweise zeigte der-selbe Mann, der in historischen Dingen durch seine eckige Über-treibung derpolitischen Methode" die Einseitigkeit in Person war,als Literarhistoriker eine viel größere Weite und Freiheit desBlicks: seineAllgemeine Geschichte der Litteratur" (1851), unter-stützt durch die glücklich gewählte AnthologieBildersaal der Welt-litteratur" (1848), ist bis auf das ueue Werk seines Antagonisten,des Jesuiten Baumgartner (Geschichte der Weltlitteratnr" 1897),die beste Übersicht der Weltlitteratnr geblieben, die wir haben; unddie Charakteristiken leiden hier wenigstens nur unter der Sncht, umjeden Preis geistreich und originell zu sein, nicht aber unter derVoreingenommenheit des Parteimannes.

Aber der eigentliche Triumph der politisch-historischen Schulein der deutschen Litteratur ist Gustav Freytag (18161895),der unter den deutschen Volkspüdagogen immer mit an erster Stellezu nennen sein wird und dessen Politischen Aufsätzen gerade mannoch lange nicht gerecht geworden ist.

Gustav Freytag ist keine romantische Persönlichkeit. Der auf-fallend lange Mann mit dem hartknochigen Gesicht und dem kurzenSchnurrbart, mit den etwas stechenden Augen und dem ironischenGesichtsausdruck war kein schöner Poet wie Lenau oder Herwegh .Er hatte auch nicht wie Hebbel oder Ludwig ein romantisches oderdochinteressantes" Lebensschicksal. Er ward (13. Juli 1816) inKreuzburg in Schlesien geboren und hat sich immer als echtenSchlesier gefühlt.Nur unsichere Ahuungen", sagt er in einemlehrreichen Aufsatze über Holtei,hatte man früher in der Außen-