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1840—18S0.
(1849) nach der Schweiz geflohen, wo er dann (seit 1860) als Pro-fessor am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich Wohl der gefeiertsteHochschullehrer des Landes war. Und auch in seiner Art vertrat erwirklich vielfach den „unentwegten Achtundvierziger": in der etwaskoketten und mit möglichster Grobheit gewürzten „Gesinnungstreue",wie Georg Herwegh und Arnold Nuge, in verschiedenen Nuancender Ehrlichkeit, sie mit ihm teilten; in einer gewissen romantisch-burschikosen Verachtung der „Stubengelehrten"; in der charakteristi-schen Mischung heimlicher Liebe zum Vaterlaude mit brutusmäßigerVerurteilung Deutschlands . Auch die dilettautische Vereinigung vonForschung nnd Dichtung ist für ihn wie für Kinkel und anderebezeichnend. Dennoch hat er durchaus seine „uots xersonslls", diedie historischen Werke („Schiller und seine Zeit" 18S9, „Blücher"1862—1863) mit den kulturhistorischen Genrebildern („MenschlicheTragikomödie" 1882—1889) und den Romanen und Novellen(„Schiller" 1856) gemein haben. Es ist der sittenrichterliche Zelotis-mus, der in jeder nicht ganz auf Scherrs Standpunkt stehendenErscheinung einen Gegner sieht, der mit allen Mitteln vernichtetwerden muß. Dieselbe politische Intoleranz, die Jeremias Gotthelf aus jedem Liberalen ein Zerrbild machen ließ, schafft für JohannesScherr aus jedem Priester oder Fürsten einen Bvsewicht. JederUnrat, der auf den Blättern der Geschichte liegt, wird angeschleppt,um bestimmten Gegnern oder im Notfall dem Kollektivgegner, derelenden, noch immer nicht ganz zu Scherrs Evangelium bekehrtenMenschheit, im Triumph ins Gesicht geschleudert zu werden.
Sein Stil hat sich nicht an dem der großen Historiker gebildet;er verachtet sie von der Höhe seiner kulturhistorisch - pessimistischenWeltanschauung; er ist durch und durch ein Schüler jener Pam-phlete, die wir als charakteristisches Phänomen der vierziger Jahreheraushoben. Pamphletist ist er immer, auch iu seinen dickstenBüchern; und zu König Christian von Dänemark oder den mittel-alterlichen Theologen stellt er sich genau so wie Karl Marx oder Ferdinand Lassalle zu ihren lebenden Gegnern. Darin liegtfreilich auch ein gewisser Reiz, eine veranschaulichende Kraft.Ferner mischten sich in seinem Stil wirkliche nrschwäbische Grob-heit vom Stil der Schubart uud Bischer, die dem Norddeutschenallemal imponiert — „Grobheit ist sakrosankt", sagt TheodorFontane mit gewohnter ironischer Weltweisheit — und berechnendeSpekulation, die sehr wohl wußte, wie gern sich gerade die „Ge-