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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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^reytag als Dramatiker und Dramaturg^

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Noch einmal begab sich Freytag aus das dornenvolle Feldder Bühne: mit denFabiern" (18S9), einer steifen Tragödieim Schillerschen Stil, wenn auch von der hohlen, pomphaftenDiktion der Redwitz und Kruse frei, die in das große Meer dervergessenen Heldendramen versunken ist und nur beweist, wie durch-aus Freytag auf deutsches Leben und deutsche Charaktere gewiesenwar. Er hat hier nicht, wie sonst, von der Vergangenheit undder Gegenwart zugleich zu lernen gewußt. Als Kritiker, als Ver-trauensmann der dichtenden Jugend, als Seele der Schillerpreis-Kommission hatte er zu den Meisterdramen der Weltlitteratur, dieihm längst vertraut waren, zahllose schwache Versuche lesen müssen;ihm kam der Gedanke, den Anfangern den Weg zur Bühne zuerleichtern, sie mindestens vor den überflüssigsten Gebrechen zu be-hüten. Ein Leser von Goethischer Gründlichkeit und Klarheit, hatteer aus der vorurteilsfreien Lektüre zahlloser Dramen eine großeZahl von Regeln abstrahiert, die er teils überall, teils speziell beimDrama der Germanen beobachtet fand. Diese Regeln stellte er inderTechnik des Dramas" (1863) zusammen einem höchstwertvollen Werk, dem ersten in größerem Maßstab durchgeführtenVersuch, statt der vom Blauen ins Blaue deducierendenreinenÄsthetik" eine empirische Poetik aufzubauen. Vor einem Menschen-alter hatte Wienbarg dahin gewiesen; vor fast zwanzig Jahren hatteHettner (1845)gegen die spekulative Ästhetik" gedonnert; jetzt erstbegann ein Mann von Geist und Kenntnissen ernsthaft an die ver-gleichende Anatomie des Dramas zu gehen. Wie vorurteilslos erdabei selbst blieb, wie bereit, neue Formen anzuerkennen und zubegreifen (während natürlich eine neue Kritikerschule aus seinenStudien einfach ein neuesRegulbuch" machte und mit diesemLineal die Grundrisse alter nnd neuer Dramen nachmaß), das be-wies Freytag noch kurz vor seinem Tode durch die liebevoll nach-empfindende Kritik von Gerhart Hauptmanns Hannele". Aberfür seine eigene Praxis lag es doch verhängnisvoll nahe, das ge-fundene Rezept an einem beliebigen Stoff zu erproben; und mehrsinddie Fabier" nichts als ein dramaturgisches Experiment, undein mißlungenes.

Inzwischen hatte Freytag schon das Gebiet betreten, das dasSchicksal sür seinen Ruhm vor allem bestimmt hatte. Längst hatte ersich lesend und nachfühlend in die Seele des deutschen Volkes ver-setzt. Günstige Umstände ließen ihn mit allen Ständen in Be-