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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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18401850.

rührung kommen. Der Sohn der kleinen Stadt, der beliebte Ver-gnügungsmeister der Profcssorenkreise, später auch an den Höfenein gern gesehener Gast, schritt er mit offenen Augen durch dieDomänen, die der vortreffliche Landwirt Koppe bewirtschaftete, undließ den Blick seiner kurzsichtigen, aber für das Nahe scharfen Augenauf den Warenballen und Nechnungsbüchern des befreundetenHandelsherrn Molinari ruhen. Sein Freuud und Genosse JulianSchmidt hatte, aus der Beobachtung der zeitgenössischen Litteraturund auch aus dem eigenen arbeitslustigen Temperament herans, dieParole ausgegeben:Der Roman soll das Volk da suchen, wo esin seiner Tüchtigkeit zu finden ist: nämlich bei der Arbeit". Beider Arbeit hatten freilich schon GoethesWanderjahre" und Jmmer-mannsEpigonen" das deutsche Volk gesucht; neu aber war, daßdie alltägliche Arbeit als solche gemeint war. Das Spinnerwesenoder der Konflikt zwischen Fabrik uud altem Betrieb waren dochimmer romantische oder dramatische Momente aus der Geschichteder deutscheu Arbeit; jetzt aber suchten Otto Ludwig und GustavFreytag nicht das Abenteuerliche, Seltsame, sondern Heiteres oderRührendes, das aus unserem Alltagsleben herauswächst". EinePädagogische Tendenz half dabei. Wohl hat Freytag, wie OttoLudwig , die eigentliche Tendenzepik im Sinn einer beschränktenParteirichtung immer verworfen:Politische, religiöse und socialeRomane sind, wie ernst auch ihr Inhalt sein möge, nichts Besseresim Reiche der Poesie als Demimonde". Aber eine erzieherischeAbsicht im höheren Sinne war ihm deshalb doch so selbstverständ-lich wie Otto Lndwig oder Gottfried Keller. Er preist Dickens ,der mit denPickwickiern" (1837) Hundcrttausenden frohe Stunden,gehobene Stimmnng gab.Die fröhliche Auffassung des Lebens,das unendliche Behagen, der wackere Sinn, welcher hinter derdrolligen Art hervorleuchtete, waren dem Deutschen damals sorührend, wie dem Wanderer eine Melodie aus dem Vaterhause, dieunerwartet in sein Ohr tönt." Schildert er Dickens ? meint er dieJournalisten "?Und alles war modernes Leben, im Grundealltägliche Wirklichkeit und die eigene Weise zu empfinden, nur ver-klärt durch das liebevolle Gemüt eines echten Dichters." Sprichter von denPickwickiern"? spricht er vonSoll und Haben "? Erpreist Fritz Reuter, wie Otto Ludwig den (doch viel geringeren)Hackländer lobt:Hunderttausende haben durch ihn das Bewußt-sein erhalten, wie tüchtig und brav ihre Existenz ist, wie viel Wärme,