399
Liebe und Poesie auch in ihrem mühevollen Leben zu Tage kommt.Sie alle sind dnrch ihn freier, reicher nnd glücklicher geworden."Wort für Wort paßt das auf FreytagS großen Roman. Er be-saß nicht die tiefe Poesie, die hinreißende Leidenschaft, die genialeNatnrbeseelung von „Werthers Leiden "; aber für seine Zeit leisteteer ähnliches wie Goethes Jugendroman: er schenkte Tausenden, dieuach Poesie dürsteten, das Bewußtsein, daß Poesie auch „iu ihremmühevollen Leben zu Tage komme".
Darm vor allem liegt die Bedeutung von „Soll undHaben " (1855), dem sich dann „Die Verlorene Handschrift"(1864) als nicht so gelungenes Seitenstück anfügte. Der Dichtersteht nicht mehr vornehm über den Gestalten, sondern er sitztmitten unter ihnen; er fühlt sich dieser breiten Bürgerwelt innigstverwandt. Wohl merkt man eine gewiffe Vorliebe für den Aristo-kraten Fink heraus. „Herrn v. Fink hat der Dichter für sich selbstgeschrieben", sagt Robert Prutz , „Anton Wohlfahrt nur für dasPublikum." Aber auch Fink verdient sich doch die Sympathie desDichters vor allem durch seine geheime Gediegenheit, durch dieschließlich siegreich hervorbrechende Tüchtigkeit, die er als deutscherKolonisator der polnischen genial-liederlichen Wirtschaft zu zeigenhat. Feinsinnig ist überhaupt der nationale Gegensatz hier in denpsychologischen einbezogen. „Deutsch sein heißt arbeiten", wie bei derGründung der Universität Czernowitz Gustav Schmoller , der damaligeRektor von Straßbnrg, ausrief; die Polen aber, die alten Lieb-linge der Jungdeutschen von Lanbe bis Grcgorovius, haben jenefahrige, oberflächliche Nomantik im Leibe, die es zu ernster Arbeitnicht kommen läßt. Eine Mischung beider Elemente zeigt der ade-lige Kreis: der Freiherr v. Nothsattel, der sich nicht entschließenkann, gut bürgerlich den Verhältnissen Rechnung zu trageu, kommtdurch falschen Stolz und unklare Spekulation ins Elend; und ihmhilft die ultrarealistische, auch der berechtigten Romantik leere Gruppeder jüdischen Geschäftsleute mit ihrem christlichen Helfer Hippus.Sie haben hier zugleich die humoristische Rolle der Zigeuner undSpitzbuben in den Schauspielen Freytags zu übernehmen; die durchkeinen mildereu Zug versöhnende Schlechtigkeit und Gier BeitelJtzigs aber erhält ein Gegengewicht durch die ideale Figur des tod-kranken jungen Ehrenthal, für den Freytag Züge seines liebenFreundes, des jüdischen Journalisten Jakob Kauffmann, benutzthat. Bei den Nebenfiguren, besonders denen im Comptoir, be-