alles Ernstes den Ursprung der poetischen Form nur mnemo-technischen Rücksichten zuschreibt? So sern ist ihm allezeit der Enthu-siasmus geblieben, der aus innerer Notwendigkeit dem Rhythmusund den poetischen Binde- und Schmuckmitteln zustrebt! Ihm istdie Dichtung von allein Anfang an nnd bis heute lediglich einMittel, Erkenntnis festzuhalten und zu vererben, so daß er ganzfolgerecht der Poesie mythologischer Zeitalter die „Poesie der wissen-schaftlichen Erkenntnis" als Forderung unserer Zeit gegenüberstellt.Nur müßte er dann eben auch erkennen nnd zugeben, daß diePoesie der Urzeit nicht bloß dem Bewahren diente, sondern anchdem Finden der Erkenntnisse; daß Dichtung und Wissenschaftwurzelverwandt sind, nicht aber die eine bloß Dienerin der andern.Und eine Poesie der wissenschaftlichen Erkenntnis geben deshalbHebbel oder Fontane, Ibsen oder Zola: sie lassen die Phantasieaus bestimmten Voraussetzungen die psychologisch notwendigen Folgenentwickeln, sie stellen die poetische Vision neben die wissenschaftlicheHypothese. Statt dessen thut Jordan nur, was popularisierendeLehrdichter in allen Zeiten, echte Dichter nie gethan haben: erbringt den augenblicklichen Stand der Erkenntnis in poetische Form.Mehr nicht. Über die mühsam stilisierte Poesie des populär-wissen-schaftlichen Leitartikels ist er in seiner Lehrdichtung nie hinaus-gekommen; und im Grunde hat er, auch wo er Epiker zu seinglaubte, nur solche Lehrdichtung geliefert.
Nach ein paar Gedichtsammlungen setzte Jordan gleich pomp-haft ein mit dem Mysterium „Demiurgos" (1852 — 1854).Dies Werk wird in der Ankündigung als eine „großartig angelegteund bei ungewöhnlicher Tiefe dennoch mit durchsichtiger Klarheitausgeführte Dichtung" bezeichnet und führt seitdem die stehendeEtikette „tiefsinnig". Mir scheinen manche kleine Dichtungen dernachklassischen Zeit, Mosens „Ritter Wahn" znm Beispiel, mehrTiefsinn zu enthalten, als dies dreibändige unförmliche Riesen-gebäude. Wenn diese „moderne Theodicee" zu dem Resultat kommt,das Böse sei zur Entwickelung des Guten unentbehrlich —, nun,das hat schon über hundert Jahre früher der Engländer Mandeville inseiner „Bienenfabel" (1723) ausgesprochen, indem er lehrte, die Lasterdes Einzelnen seien der Segen der Gesamtheit. Wie Jordan hater das an einem Jdealstaat exemplifiziert und schon Pierre Bayle ,der große Skeptiker, hatte gelehrt, ein Staat ans lauter Gerechten könne nicht bestehen. Aber ihnen genügte dazu ein kurzer Raum. —