Druckschrift 
2 (1927)
Entstehung
Seite
67
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AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG

London , 24. 6. 1914

S ir Edward Grey hatte mich heute zu sich bittenlassen, um noch vor meiner Abreise sich mit mir überdie politische Lage zu unterhalten. Er erwähnte zu-nächst den drohenden griechisch-türkischen Zu-sammenstoß und meinte, die Aussichten seien augen-blicklich wieder günstiger, so daß die Hoffnung be-stehe, daß das äußerste sich werde vermeiden lassen.Wie er mir bereits auseinandergesetzt, wünsche ernamentlich vermieden zu sehen, daß durch Sperrungder Dardanellen erneute Schwierigkeiten entstünden,doch sehe er sich außerstande, den Türken eine solcheMaßnahme zu verbieten, da wir nicht in der Lageseien, entsprechende Gegenleistungen zu übernehmen;aber er hoffe, wie gesagt, daß der Krieg sich nochwerde vermeiden lassen.

Auf Albanien übergehend, bemerkte der Ministerganz im Sinne seiner neulichen Ausführungen, daß eres nicht dem Lande gegenüber übernehmen könne,britische Streitkräfte gegen die albanischen Auf-ständischen kämpfen zu lassen. Die hiesige öffentlicheMeinung würde ein solches Vorgehen nie dulden, unddas Parlament würde nicht ermangeln, sofort hier-gegen Stellung zu nehmen. Unter diesen Umständenbliebe nur übrig, ruhig zuzusehen und den Dingenihren Lauf zu lassen. Sollte der Fürst zur Abdankunggenötigt werden, so sei der Plan aufgetaucht, die Re-gierung der Commission de contröle zu überlassen.Er würde auch hiergegen nichts einzuwenden haben,man müsse sich nur klar darüber sein, daß ohneMachtmittel die Commission de contröle nicht in derLage sei, ihren Willen durchzusetzen. Von seinemStandpunkte aus würde er keine Bedenken erheben,wenn Österreich und Italien als die meistbeteiligten