Druckschrift 
2 (1927)
Entstehung
Seite
66
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AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG

London , 15. 6. 1914

S ir Edward Grey kam im Laufe meines heutigen Be-suches wieder auf Albanien zu sprechen, dessenZustände ihn dauernd zu beschäftigen scheinen.Im wesentlichen sagte er wieder dasselbe wie erstkürzlich, daß England keine direkten Interessen dorthabe und es daher nicht gewillt sei, Truppen hinzu-schicken, um sich an einer internationalen Besetzungdes Landes zu beteiligen. Italien und Österreich wollten nicht allein vorgehen aus Furcht vor Miß-helligkeiten, und andere Mächte würden wohl eben-sowenig wie England sich beteiligen wollen. Unterdiesen Umständen sei guter Rat teuer. Er persönlichwürde gegen eine Verlegung der Regierung nachSkutari nichts einzuwenden haben, doch wolle er, umnirgends Anstoß zu erregen, mit keiner Anregunghervortreten. Namentlich seien die Österreicherdiesem Gedanken abhold.

Auf meinen Einwurf, daß eine solche Maßnahmewie eine Flucht vor den Aufständischen aussehenund daher dem Ansehen des Fürsten schaden würde,mußte der Minister dies zugeben. Er meinte, hierdurchnur der Abdankung des Fürsten Vorbeugen zu wollen.

Hinsichtlich der Anrede, die letzerem gebühre,meinte Sir Edward, daß englischerseitsHighness" ge-braucht werde, und daß er diesen Titel auch für an-gemessen halte, falls wir ihm zustimmten.

Lichnowsky.