vorläge, daran Anstoß zu nehmen, solange er seinen
mächtigen Einfluß zugunsten des Friedens und der
Mäßigung zum Ausdruck brächte. T . , ,
Lichnowsky.
AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG
I ch besuchte heute nachmittag Sir Edward Grey undnahm dabei Gelegenheit, die gesamte europäische Lage mit ihm in vertraulichem Tone zu besprechen.
Zunächst glaubte ich ihn darauf hinweisen zu sollen,daß die österreichisch-ungarisch-serbischen Beziehun-gen durch die Ermordung des Thronfolgers eine nichtunbedenkliche Zuspitzung erhalten hätten. Man könnees der k. u. k. Regierung nicht verübeln, wenn siediese neue Herausforderung angesichts der Unter-stützung, die die Verschwörer erwiesenermaßen ausBelgrad erhalten hätten, nicht ungesühnt lassen undvon der serbischen Regierung Genugtuung verlangenwürde. Ob und in welcher Form dies geschehe, seimir zwar nicht bekannt, aber ich glaubte, daß es sichschon jetzt empfehlen würde, die Möglichkeit einerVerschärfung der Beziehungen zwischen Wien undBelgrad ins Auge zu fassen, damit er, Sir Edward,rechtzeitig in der Lage sei, seinen Einfluß in Peters-burg dahin geltend zu machen, daß von dort auf Ser-bien im Sinne der Nachgiebigkeit gegenüber den öster-reichischen Forderungen gewirkt würde,
Sir Edward schien in dieser Richtung noch keiner-lei Nachrichten erhalten zu haben. Er verkannte je-doch nicht die Gefahr, die die Lage mit sich bringenkönnte, und schien zu begreifen, daß es für einen lei-tenden österreichisch-ungarischen Staatsmann schwersei, sich auf die Dauer aller energischeren Maßnahmenzu enthalten. Er versprach mir, auch über diese Frage
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