auf den Gütern der größeren Edelleute waren dieWirtschaftsgebäude verfallen und unbrauchbar, frei-lich konnte auch ein großer Teil des Adels ebenso-wenig lesen und schreiben wie die Bauern. Auch dieÜberzahl des Landvolks lebte in jämmerlichen Zu-ständen. Wer sich dort einem Dorfe nahte, sah große,windschiefe Hütten mit zerrissenen Strohdächern aufkahler Fläche, ohne Baum, ohne Garten. Das schmutzigewüste Volk lebte von Brei und Roggenmehl, von Kraut-suppe, Heringen und Branntwein, dem Männer wieFrauen unterlagen; Brot wurde nur von den Reichstengebacken, viele hatten in ihrem Leben nie einen sol-chen Leckerbissen gesehen. Stumm und schwerfälligtrank das Volk den schlechten Branntwein, prügeltesich und taumelte in die Winkel. Auch der Bauern-adel unterschied sich kaum von den Bauern. Er führteseinen Rakenpflug selbst und klapperte in Holz-pantoffeln auf dem Lehmfußboden seiner Hütte. EineRechtspflege gab es kaum im Lande. Nur die größerenStädte bewahrten kraftlose Gerichte. Die Edelleuteverfügten mit grausamer Willkür ihre Strafen. Sieprügelten Bürger und Bauern, warfen sie in scheuß-liche Kerker und ließen sie darin verkommen. Hattendie Schlachzizen selbst Streit untereinander, sokämpften sie durch Bestechung bei den wenigen Ge-richten, die über sie urteilen durften. In den letztenJahren hatte das auch fast aufgehört. Sie suchten ihreRache auf eigene Faust durch Überfall und blutigenBürgerkrieg.“
Diese Sätze entnehme ich der Schilderung, dieGustav Freytag von den Zuständen entwirft, die da-mals in Westpreußen herrschten, und die er den Be-richten der Beamten entlehnte, die Friedrich II. in dasunglückliche Land entsandte. Da man aber dieseZeugen als „Boches“ verdächtigen wird, so mögen noch
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