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II BILDUNGSMÄCHTE
Eine klassische Erinnerung an die rechtskundigen Perserkönige belebt diesonst ziemlich schematische Ansprache. Die zweite Rede hielt Francescozwei Jahre darauf bei dem am 26. August 1416 erfolgten Tode desPaduaner Arztes Giovanni Corradini, der dem hochangesehenen PodestäZacharias Trevisano wie auch Francesco Barbaro in Freundschaft ver-bunden war; auf der Ambrosiana 15 ist ein Brief von Corradini an Fran-cesco erhalten, worin er ihn dringend um Nachricht bittet. Da sich jetztFrancesco doch ausschließlich mit Griechisch beschäftige, so könne erihm auch in dieser Sprache schreiben, wenn er Lust dazu habe. Das Lebendieses Mannes, für den Barbaro die Trauerrede halten sollte, bot nichtviel Ereignisreiches; seine ärztliche Tätigkeit wird kurz gestreift, sonsthören wir nur, daß er ein gebildeter Mann war. Zu beachten sind etwaseine Lieblingsschriftsteller, die auf die geistigen Interessen des PaduanerKreises hindeuten. Francesco berichtet nach einem Wortspiel, daß ermit sich nicht einig werden könnte, ob Corradini durch Beredsamkeitgebildeter oder durch Bildung beredter geworden sei, der Arzt hätte amliebsten die Bücher über die guten Sitten gelesen, um dadurch selbst zuexemplarischem Leben ermutigt zu werden. Hier im Paduaner Freundes-kreise wurde also auch Barbaros Vorliebe für vorbildliche Lebens- undSittenbilder geweckt, denen sein literarisches Schaffen gelten sollte.Ins Jahr 1413, also noch in seine Studienzeit, fällt ein merkwürdigesEreignis, an dem er gewiß regen Anteil genommen hat. Waren das ganzeMittelalter hindurch die Städte besonders nach Reliquien irgendwelcherchristlicher Heiligen begierig, die mit ihren Mauern in Zusammenhangstanden, so zeigte es den Wandel der Auffassung, daß man jetzt Wertdarauflegte, die Vaterstadt eines berühmten antiken heidnischen Schrift-stellers zu sein. Mantua war stolz auf seinen Vergil und Padua auf Livius. Auch hätte man gerne einen sichtbaren Gegenstand zu pietätvollerPflege besitzen mögen, und schon Anno 1340 fand sich zur großen Freudeder Paduaner der Grabstein des alten Historikers. Erst spätere kritischeZeiten haben entdeckt, daß es sich nur um den Grabstein eines Frei-gelassenen der Tochter des Livius handelte. Vor diesem Stein schriebbald darauf Petrarca an Livius in die Unterwelt. 70 Jahre später, am31. August 1413, grub man am nämlichen Platze bei dem Kloster derheiligen Justina eine Kloake und stieß dabei auf ein antikes Grab. So-