gleich hieß es, man habe das Grab des Livius gefunden, und nicht nur dieVornehmen, auch die Handwerker ergriff die Begeisterung über die Auf-findung der Überreste ihres berühmten Mitbürgers. Nur der Abt, in dessenGarten die Entdeckung gemacht worden war, bekam Angst, daß durchdiese nichtchristlichen Gebeine das Volk zum Heidentum verleitet werdenkönnte. Er beschloß daher, das Ärgernis beiseite zu schaffen, und zer-schlug den Schädel; doch bevor er die Knochen verbrennen konnte, wurdeder Frevel den venezianischen Behörden gemeldet. Zacharias Trevisano,(oder Zaccaria Trevisan, wie er im venezianischen Volksmund heißt),nahm sich der Überbleibsel an. Für den Fall, daß der Abt sie nicht gut-willig herausgeben würde, hatte man den Vorsatz, sie des Nachts heimlichzu entwenden. Alle drängten sich herzu, ihr Scherflein zur Errichtungeines würdigen Mausoleums herzugeben, aber die Stadt hielt es für ihreEhrenpflicht, die Kosten aus öffentlichen Mitteln zu bestreiten. In feier-lichem Zuge wird der Sarg abgeholt. Als Vertreter der venezianischenStaatsgewalt schreiten der Bruder des regierenden Dogen Andrea Mo-cenigo und Zacharias Trevisano hinterher, sowie alle angesehenen Männer,die Gelehrten und Scholaren der Universität ebenso wie die Zünfte 16 . Indiesem Festzug dürfen wir auch als jungen Doktor Francesco Barbaro suchen. Zur größeren Sicherheit nahm Trevisano nach Aufrichtung desSarkophages in der großen Stadt- und Markthalle Paduas , dem Salone,die Gebeine in seine Amtsräume in Gewahrsam. In diesem Ereignisspiegeln sich deutlich die damaligen Zeitströmungen wider: auf der einenSeite die mönchische Enge, die gegen alles Heidnische mißtrauisch bleibt,und auf der anderen Seite die überschwengliche, aber einstweilen nochetwas leichtgläubige Begeisterung des auflebenden Humanismus.Guarino war inzwischen (1409) nach Italien zurückgekehrt und fandgastliche Aufnahme im Hause Barbaro. Wohl war Venedig die abend-ländische Eingangspforte aus dem Orient; es wurden dort zuerst dieBücherschätze, die aus dem späten griechischen Kaiserreich ankamen,ausgeladen, auch stiegen die byzantinischen Gelehrten, die die Italienerim Griechischen unterrichten wollten, in Venedig an Land; aber sienahmen dort alle nur kurzen Aufenthalt, da sie eine bessere Wirkungs-stätte in dem beweglicheren Florenz fanden. Nur langsam Heß sichVenedig, dessen Schwerpunkt im staatlichen Leben lag, von der neuen
Druckschrift
Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Seite
35
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