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II BILDUNGSMÄCHTE
Bildung durchdringen. So folgte auch Guarino jetzt als erster Italiener,der des Griechischen ganz mächtig war, der Einladung des FlorentinerHandschriftensammlers Niccoli, der das Vertrauen der Medici besaß,nach der Stadt am Arno, wo er bis 1414 am Studio im Griechischenunterrichtete. Der Briefwechsel mit Francesco scheint damals nicht leb-haft gewesen zu sein, da sich Guarino 1411 am Schlüsse eines Briefesan einen gemeinsamen Freund beklagt, daß ihm der geliebte Francesconicht antwortet: «Barbarum humanissimum dulcissimis stringe com-plexibus, er ist der Sache, nicht den Worten nach mein Freund, da erauf drei meiner Briefe nicht ein einziges Wort geantwortet hat 17 .» EinStreit mit dem unverträglichen, aber sehr einflußreichen HumanistenNiccoli, dem «literarischen Minister Cosimos 18 », schloß seine FlorentinerLehrtätigkeit ab. Francesco Barbaro holte Guarino Mitte des Jahres 1415in Florenz ab 19 , und dieser legte in der berühmten Humanistenstadtviel Ehre mit seinem Schüler ein, denn Jugend und große Gelehrsam-keit machten ihn gleich anziehend, so daß er zum Liebling und Helddes Florentiner Gelehrtenkreises wurde. Unter den neuen Freunden,mit denen ihn seit dieser ersten Reise ein reger Briefwechsel verband,waren die Mitglieder des damals erst zu seiner späteren Bedeutung empor-strebenden Hauses Medici, der Vater Giovanni dei Bicci dei Medici, dersich als maßvoller Politiker in seiner Vaterstadt hervortat, und seineSöhne Cosimo und Lorenzo (der ältere zubenannt zur Unterscheidungdes nach ihm benannten Großneffen Lorenzo il magnifico ), ferner derCamaldolensermönch und spätere Ordensgeneral Ambrogio Traversari ,der einige Jahre älter als Francesco war. Mit ihm und Guarino war erzugleich so eng befreundet, daß dieser später einmal schreiben konnte,Traversari solle Briefe, die Barbaro an ihn gerichtet habe, zugleichauch als seine, Guarinos, betrachten 20 .
Es traf sich, daß der verehrte Lehrer Guarinos, der große Manuel Chryso-loras, gerade von einer Gesandtschaftsreise an die westeuropäischenHöfe bis nach England , die er für seinen griechischen Kaiser unternahm,um die Hilfeleistung des Abendlandes gegen die für Konstantinopelbedrohlich näherrückenden Türken zu erbitten, aus Rom zurückkehrte.Er hatte dem Papst als Entgelt für kriegerische Hilfe die Einung dergriechisch-orthodoxen mit der römisch-katholischen Kirche angeboten,
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