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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
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127
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BIONDO BARBAROS SEKRETÄR IN BERGAMO

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zu machen, als es sonst wäre. Biondo hatte schon damals die Absicht,in den Dienst der römischen Kurie zu treten; der Freund bittet ihnindes, diesen Plan noch um ein Jahr hinauszuschieben, er wolle ihmspäter dazu helfen. Zwar läßt es sich nicht beweisen, daß Biondo dieserdringenden Aufforderung des Freundes Folge geleistet hat Biondotaucht das nächste Mal erst nach einigen Jahren in päpstlichen Dienstenauf aber es ist wohl sehr wahrscheinlich, daß er Barbaros Aufforderunggefolgt ist, denn sie war von dem stolzen, des eignen Wertes sich be-wußten Worte begleitet: (Wieviel mein Wille bei dir gewöhnlich gilt,weiß ich, und wieviel er gelten sollte, weiß ich auch. Ich bitte dich daher,komm so rasch wie möglich: nichts Lieberes und nichts Freudigereskannst du mir zu dieser Stunde antun.» Im Amtsjahre 1430/31 mögenalso beide die Stadt Bergamo regiert haben; dann wird Barbaro seinenKanzler dem Papst Eugen IV. , der früher als Kardinal Gabriel Con-dulmieri sein Vertrauensmann an der Kurie gewesen war, empfohlenhaben 64 . Jedenfalls ist Biondo später in päpstlichen Diensten und wirdvon Eugen rv. als apostolischer Sekretär zu vielen kirchenpolitischenAufgaben verwendet, er begleitet auch seinen Papst nach dem Aufstandin Rom ins Exil nach Florenz. Die Schätzung, die er von Eugen IV. ,der sonst den Humanisten nicht günstig gesinnt war, erfuhr, beruhtebenfalls auf Biondos Zuverlässigkeit als Beamter.

Im Jahre 1439, als Barbaro in Brescia eingeschlossen und belagert wurde, erörtertendie in Rom an der Kurie beschäftigten Humanisten eine philologische Frage: ob esin der klassischen Zeit im alten Rom einen Unterschied zwischen gesprochener undgeschriebener Sprache gegeben habe 66 . Leonardo Bruni vertrat den Standpunkt, daßdas Italienische aus dem gesprochenen Latein des gemeinen römischen Mannes imAltertum entstanden sei, und daß zwischen der gesprochenen und der gehobenen Rede-und Literatursprache schon eine ebensolche Kluft bestanden habe wie im XV. Jahr-hundert zwischen dem Italienischen und dem Humanistenlatein. Ihm pflichtete derViccntiner Dichter und älteste Abbreviator des kurialen Sekretariats, Antonio Loschi ,bei, aber die Mehrzahl seiner Kollegen war entgegengesetzter Meinung, nämlich daßdas Italienische aus der alten Buchsprache entstanden sei. Poggio in seiner historiadisceptativa, Marsuppini, Filelfo und unter andern auch Biondo teilten diese An-sicht. In Form eines Briefes an Bruni schrieb Biondo eine Abhandlung: de romanalocutione, in der er erwähnt, daß auch Barbaro in der Streitfrage auf seiner Seitestünde. Man hat sich übrigens über die Herkunft der romanischen Sprachen noch bisans Ende des xix. Jahrhunderts gestritten 66 .

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