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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
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V B ARB ARO ALS FREUND DER HUMANISTEN

Aufforderung, bei den Testamentsvollstreckern der Erbschaft dahin zuwirken, daß ihm die geliehenen Handschriften zurückerstattet würden 109 .Noch zwei Jahre vor Francescos Tode hatte er versucht, diesen mitSchmeichelworten gefügig und zur Herausgabe der Handschriften be-reit zu machen; wie er das tut, ist für ihn bezeichnend, denn die Absichtist allzu deutlich: («Ich schäme mich fast, soviel mal jene Bücher zurück-zuverlangen, die ich dir gegeben habe, als ich in Konstantinopel weilte.Ich sehe nämlich, daß du darauf bis zum heutigen Tag überhaupt nichtsantwortest. Auch verstehe ich kaum deine Ansicht darüber. Ich glaubenicht, daß du deswegen schweigst, weil du mir meine Bücher nichtzurückgeben willst. Ich kenne doch deinen Ernst und deine Zuverlässig-keit, deine Treue und Unbescholtenheit! Dazu hast du eine solche Höhedes Geistes, die die Griechen [ArfaXcurpsitsia (Hochsinnigkeit), die Uns-rigen (die Lateiner) aber mit Recht magnidecentia benennen, daß dunicht nur nicht fremdes Gut gegen den Willen seines Herrn besitzenwillst, sondern auch nicht einmal dein eigenes, das du einem andernfreigebig überläßt, zumal wenn du genau weißt, wie sehr er dich ver-ehrt. Deshalb bitte ich dich, <mi humanissime Barbare >, wieder undwieder, daß du meine Bücher, die schon 30 Jahre deine Gäste gewesensind, unter der Bedingung meine Hausgenossen sein läßt, daß die-jenige Handschrift, die du von allen am liebsten hast, für dauernd deineigen sein möge 110 .»

Wir stehen vor einem Rätsel. Barbaro ist auf diesen Vergleich nichteingegangen, hat die Handschriften alle behalten und geschwiegen.Wirft das ein schlechtes Licht auf ihn ? Wir besitzen nur die Anklage,nicht die Verteidigung, da er sich selber, wenigstens soweit unsereKenntnis reicht, nie darüber geäußert hat. Weil wir aber über den,wie es scheint, ganz gleichartigen Fall Filelfos mit Leonardo Giusti-niani, der sich gegen die Übervorteilung von Filelfo zur Wehr setzenmußte, besser unterrichtet sind, so müssen wir wohl vermuten, daßauch Barbaro einen Grund dafür hatte, das fremde «Eigentum» dauerndzurückzuhalten.

Zu unserm großen Erstaunen finden wir in der Briefsammlung Filelfos 20 Jahre nachdem eben erwähnten noch einen Brief über dieselbe Angelegenheit, der zeigt, daßsich der Gealterte immer noch nicht in den Verlust seiner Bücher schicken konnte.