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VI RELIGIÖSE VERTIEFUNG
wichtigen Schreibgewohnheit seinem Freund zu Willen zu sein, oder hielter Unparteilichkeit in dem Streit für seine Statthalterpflicht ? Vielleichtenthielt er sich absichtlich einer Antwort auf Poggios Worte. Sicher istnur, daß er trotz allem den Observanten immer gewogen blieb. In demStreite zwischen den strengeren Observanten und dem Rest des Fran-ziskanerordens, den Konventualen, bemühte er sich für die ersteren undbeauftragte seinen Neffen Ermolao, der damals Protonotar an der Kuriewar, beim Papst Eugen IV. für die Observanten einzutreten, da sie inschwerem Kampf um ihre Durchsetzung standen. Er bewundert anihnen, wie sie, mit ihrem Körper behaftet, doch körperlos zu leben ver-möchten 8 . Ein solch leibfremder Ausspruch, wie er ihn in seinem vor-geschrittenen Alter um 1440 tat, wäre in seiner Jugendschrift noch nichtmöglich gewesen. So nah, daß er mit ihm Briefe gewechselt hätte, stander dem hl. Bernhardin nicht — dieser mochte auch in seinem rastlosen,dem Kampf mit der Not des Alltags zugewandten Predigerleben nichtZeit und Muße dazu finden.
Ein namhafter Schüler Bernardinos, der schon genannte Alberto da Sarte-ano, stand zu Barbaro in engerer Beziehung. Während Männer wie Ber-nardino da Siena und Lorenzo Giustiniani , der Bruder Leonardos, ein-deutig religiöse Genies waren — sie wurden darum auch von der Kircheheilig gesprochen—und von vorneherein die Bahn des asketischen Lebens-wandels einschlugen, ist Alberto da Sarteano einer der charakteristischenGeistlichen jener Zeitwende, in denen sich asketische und humanistischeArtung mischten, doch anders, als wir es bisher bei seinen Standesge-nossen trafen. Er war schon seit längerem Observant, als er sich mit 3 7 Jah-ren noch entschloß, für 10 Monate Schüler Guarinos im Griechischen zuwerden, denn nach Blondus' Worten galt damals in Italien der des Griechi-schen nicht Mächtige auch im Lateinischen für ungebildet. Bedenken undMißtrauen seiner Oberen, die befürchteten, er werde ein eitler Rhetorwerden, wußte er durch das Versprechen zu zerstreuen, er werde die er-worbene Beredsamkeit in den Dienst der Frömmigkeit stellen. Freilich,wer es allzusehr darauf absieht, fromm und rechtgläubig zu sein, der wirdleicht pfäffisch. Als Alberto da Sarteano davon hörte, daß Bernhardin undBarbaro beide in Treviso waren, litt es ihn nicht mehr bei dem huma-nistischen Lehrer in Verona , sondern in den Hundstagen des Jahres 1421