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Po und Mincio in Feindeshand war, fuhren die Venezianer die Etsch hinauf bis zur engsten Stelle nach dem Gardasee , rollten ihre Galeerenauf Walzen an Land und über die schmale Gebirgsbrücke nach demHafen von Torbole hinunter; das war ein technisches Unternehmen, dasin jenen Zeiten für eine seither nie mehr nachgeahmte militärische Großtatgalt 89 . Doch Barbaro in Brescia sah, daß auch er die Hände rühren mußte,um sich den auf den Schiffen bereitliegenden Proviant zu verschaffen;zudem hielt er es für nötig, daß in diesem Augenblick der Bedrängnisetwas unternommen werde, um nach abermaliger Enttäuschung überangekündigte, aber nicht eingetroffene Vorräte den Mut und die Hoffnungder Bürger wieder anzuspornen.
So reifte in ihm der Gedanke, mit bewaffneter Hand sich selbst einenDurchzug ins venezianische Gebiet zu balinen. Da er aber seinen Postennicht verlassen durfte, stellte er den heimgekehrten Pietro Awogadroerneut an die Spitze mutiger Brescianer, die lieber das Brot für sich undihre zurückgelassenen Mitbürger erkämpfen, als gemeinsam mit ihnenin der Stadt dem Hunger und der Seuche erliegen wollten. Über dasrückgewonnene Lodrone bricht diese Schar an das steile Westufer desGardasees durch. Abermals gelingt ein kühner Überfall auf den inMaderno ahnungslos lagernden Italiano, der in die Zange genommenwird. Von der Seeseite greift die venezianische Flotte an, und im Rückenstürmen die Brescianer von den Bergen herab. Viele Gefangene werdengemacht, doch leider entwischt ihnen wieder Italiano , den sie lieber alsalle andern gefangen hätten. Nun endlich zum ersten Male nach so langerZeit dürfen die Brescianer erwarten, daß Lebensmittel in ihre Stadtkommen 90 . Pietro Awogadro, der es mit den Bewohnern der Alpentälergut verstand, brachte sie alle wieder dazu, sich der Serenissima zu unter-werfen. Nun begeben sich viele Bürger, die es nicht erwarten können,in die Alpentäler, um schon eher etwas vom Proviant zu erlangen. Eswar auch höchste Zeit, daß Hilfe und Nahrung kam. Es wird berichtet,daß die Ärmsten der Bevölkerung jeden Morgen vor die Tore gingenund ausschauten, ob der Zug mit den Lebensmitteln von den Bergenherabkäme, das hieß für sie, ob sie an diesem Tage noch leben oderschon sterben müßten. Und wenn sie dann enttäuscht sich zurück-schleppten, waren erbarmenswürdige Bilder in den Straßen Brescias