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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
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VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA

unerfahrenen Söhne hinterläßt, bedeutet der Verlust des treuen Mannes, der dieSchlüsselstellung für Brescia unter großer eigner Einbuße gehalten hatte, einen schwerenSchlag für Barbaro. Als äußeres Zeichen ihrer Trauer um Herrn Paris sandten die Bre-scianer den Söhnen zum Anfertigen der Trauerkleider ein großes Stück schwarzes Tuch,das sie früher aus England bezogen hatten. Barbaro fühlte sich verpflichtet, wie einVormund für die jungen Herren von Lodron zu sorgen, zumal der Herzog von Öster-reich Miene machte, das Land als erledigtes Lehen einzuziehen; er richtet im Namender jungen Erben ein beredtes Schreiben an den Herzog, um sie in ihren ange-stammten Rechten zu schützen 43 . Nachdem sie wieder belehnt sind, erobern die BrüderLodron imFrühjahr ihrverlorenes Gebiet, das den Venezianern so wichtig war, und esgelingt ihnen, die feindliche Besatzung aus der Burg Lodron zum Abzug zu bewegen.Trotz der heldenmütigen Verteidigung Brescias mußte sich der vene-zianische Senat sagen, daß die Stadt schließlich doch noch durchHunger fallen werde, wenn man sie nicht rechtzeitig entsetzte und ihrVorräte schickte. Die drei großen Zufahrtsstraßen zur Stadt waren vonPiccinino durch Schanzen abgesperrt und im Süden der Po durch Pfahl-werke und Geschütze gegen die 60 Galeeren starke Flotte gesichert, dieunter dem Befehl von Barbaros Schwiegervater Pietro Loredano denFluß heraufruderte. Dies erste venezianische Unternehmen zum EntsatzBrescias war ergebnislos, denn obwohl Loredano das Hindernis brach,mußte er unverrichteter Dinge wieder heimfahren, weil der Margraf vonMantua die Deiche durchstach und dadurch das Wasser des Flusses ab-leitete. Den Kummer über den Mißerfolg, daß er seinem Tochtermannnicht helfen konnte, überlebte der alte Seeheld Loredano nicht 86 . Auf dieTodesnachricht schreibt Francesco kurz an seinen Sohn: «Ich wünsche,daß alle, die uns teuer sind, ebenso lobenswert leben, wie er rühmlich ge-storben ist 87 .» Loredano war ein einflußreicher Staatsmann und einer derschärfsten Gegner der Politik des Dogen Francesco Foscari , der VenedigsAusbreitung auf der Terra ferma förderte und dadurch diese langwierigenKriege mit Mailand heraufbeschwor, während Loredano an der von jehergeübten venezianischen Seepolitik festhalten wollte, ohne Einmischung indie Händel Oberitaliens zu suchen. Der jetzt erfolgte Tod des politischenGegners Heß dem Dogen die Hand frei, künftig ungehemmter seine Plänezu verwirklichen 88 .

Das zweite Unternehmen Venedigs, das wenigstens vorübergehend fürden Hunger der Brescianer Linderung schaffte, war die Aussendungeiner Flottille auf den Gardasee . Da der unmittelbare Wasserweg über