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VIII ALTERSWEISHEIT
staatsmännischen Brief an einen seiner hochgestellten Freunde in Vene-dig, den Prokurator von San Marco: Federigo Contarini 29 . Der Tod desErzfeindes beschäftigte ihn so stark, weil er die mannigfachsten Aussich-ten auf die Zukunft eröffnete. Barbaro beginnt mit dem Bekenntnis:In jedem Augenblick, sei es bei der Arbeit, sei es beim Ausruhen, könneer nicht anders, als für den Staat sorgen. Er hört, daß die Mailändernach dem Tode des Herzogs die Waffen nicht wider die Venezianer er-griffen haben, sondern gegen die habgierigen, grausamen und dreistenBeamten des Herzogs, deren Joch sie abschütteln wollen, um sich frei zumachen und in Frieden leben zu können. Es gäbe aber eine Richtung inder Stadt, die eine Staatsumwälzung anstrebe und lieber sich an Venediganlehnen als für sich bleiben wolle (.. .et sub umbra nostri auxilii tegiquam suis legibus vivere malint). Mit Scharf bück überschaut Barbaro dieMöglichkeiten einer venezianischen Politik für diesen Augenblick. Manmüsse sich entscheiden, ob man das eigne Herrschaftsgebiet erweitern,oder die Sache der italienischen Freiheit führen und dadurch den Friedenfestigen wolle. Die Mehrzahl der venezianischen Staatsmänner zwardächten, jetzt sei die günstige Gelegenheit gekommen, die eigenenGrenzen über die Adda vorzustecken. Im Gegensatz zu dieser Ein-stellung möchte aber Barbaro lieber durch Venedigs Ansehen und seineunbestechbare Rechtlichkeit die Macht der Lombardei zum Bundes-genossen gewinnen, als sie sich durch Waffengewalt entfremden. WennVenedig uneigennützig bliebe, habe es im Kriege das Recht auf seinerSeite. «Wir haben diesen Krieg doch nicht aus Herrschgier (dominandilibidine) unternommen, ruft er aus, sondern um Gewalt mit Gewalt zuunterdrücken und einen Frieden ohne Hinterhältigkeit zu erstreben. Wirhaben auch die Mailänder zur Freiheit aufgerufen und erheben Anspruchauf diesen ruhmvollen Ehrentitel, nicht damit alles unserer Herrschaftunterworfen werde, sondern damit wir selber frei die Sache der Freiheitder anderen führen. Darum scheint mir diejenige Meinung die beste zu sein,die die sicherste ist, die zwar weniger Beute, aber um so mehr Lob und Ruhmeinbringt.» Die Politik der Rechtlichkeit ist ihm auch die der Klugheit,denn es sei leicht einzusehen, was den Venezianern ihr Vormarsch überdie Adda eingebracht habe: Venedig sei ringsum von Neidern umgeben,undFreund undFeind könnten bezeugen, daß die jüngsten venezianischen