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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
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VIII ALTERSWEISHEIT

sieht er voraus, daß sie nicht mehr lange ruhig werden schlafen können,da die Schlange (Sforza) ihnen so nahe sei.

Wie nicht anders zu erwarten, wendet nun Sforza, dessen Heeresmachtnach der Einigung mit Venedig frei wurde, seine Hauptkraft gegen Mai-land , in dessen Dienst er noch eben stand, und belagert es, bis dieHungersnot in der Stadt die uneinigen Bürger zu einem Entschlußtreibt. Am 25. Februar 1450 versammeln sich in Mailand die Regierungs-mitglieder in der Kirche Santa Maria della Scala. Um nicht dem Sforzain die Hände zu fallen, übertragen sie die Oberhoheit ihrer Stadt anVenedig; aber das war jetzt zu spät. Die Stunde dazu, in der man durchgroßmütiges Nachgeben die Mailänder für Venedig hätte günstig stim-men können, war schon damals durch die Unnachgiebigkeit der Vene-zianer versäumt worden, als der Senat Barbaros Rat nach dem Todedes Mailänder Herzogs in den Wind schlug.

Das feindliche Heer stand vor den Mauern, und man konnte sich nichtlänger halten. Ein Volksaufstand brach los, der Pöbel erschlug denvenezianischen Gesandten, die republikanische Regierung wurde ge-stürzt, und der Humanist Filelfo Heß sich an der Spitze einer Gesandt-schaft an den Grafen Sforza nach Pavia schicken, um ihn in wohl-gesetzter Rede als neuen Herzog willkommen zu heißen.Der Friede mit Sforza als Herzog war nicht von langer Dauer. Schon imOktober 1451 befürchtet Barbaro 38 , daß dem Herzog die Quellen desGoldes und Silbers reichlicher als gewöhnlich zuflössen und er schonwieder an Krieg denke, weil er überall Truppen anwerbe. Im Jahr danachbricht dann der Krieg von neuem los. Inzwischen war Barbaros Einflußauf die Staatsleitung, aus der er durch Eifersucht von Nebenbuhlern einigeJahre lang verdrängt war, wieder gewachsen, und in seiner neuen Würdeals Prokurator von San Marco konnte er sich durch klugen Rat, der dies-mal auch befolgt wurde, nochmals große Verdienste um den Staat er-werben. Der Bruder des Gattamelata, Gentile da Leonessa, ist jetzt vene-zianischer Oberbefehlshaber. Gattamelata selber war schon einige Jahrezuvor gestorben, und Barbaro hat seinem treuen Kriegsgefährten inlateinischen Versen 39 die Grabschrift gedichtet. Nun richtete er am16. Juni 1452 an den neuen Kondottieren einen wundervoll klar durch-geformten Staatsbrief von der Länge einer Abhandlung, das Glanzstück