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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
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281
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BRIEF AN GENTILE DA LEONESSA

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seines Briefwechsels, in dem die gereifte venezianische staatsmännischeÜberlieferung in der jungen humanistischen Form vom persönlichenTemperament Barbaros durchglüht erscheint 40 . Ähnlich wie er früherdie Wahl zwischen Ratio und Fortuna stellte, so zeigt er dem Feld-herrn hier die doppelte Möglichkeit der Kriegführung durch «consi-lium» und «arma». Nicht nur durch rohe Waffengewalt könne manzum Siege gelangen, häufiger noch durch bedachte Kriegslist. Noch imvorhergehenden Jahre hatte Biondo seinem Freunde Barbaro aus Neapel leihweise mehrere griechische Bücher über die Kriegskunst gebracht,und als er sie an Panormita zurückgab, schrieb Barbaro dazu 41 : «Diesekampflustigen Bücher hielt ich gewissermaßen als (Kriegsgeräte undAdjutanten» sozusagen gefesselt bei mir im Hause der Musen, damit sienicht durch Hoffnung auf Sieg, den sie zu verleihen versprechen, dasZeichen zur Schlacht gäben und Ruhe und Frieden störten zur großenErregung von ganz Italien. »Solche Beschäftigung mit den antiken Kriegs-schriften, die ihn zum Nachdenken über die gegenwärtigen Verhältnisseanregen, kommt ihm jetzt zugute. In seinem langen Sendschreiben rufter dem Gentile da Leonessa die großen Kriegshelden des Altertums insGedächtnis, weil sie mit Umsicht (consilio) gehandelt haben, Pyrrhus,Alexander, Hannibal, Cäsar und andere römische Feldherren und vonden heutigen «großen Männern > vor allem Carmagnola und NiccolöPiccinino, «der weder ein gutes noch ein schlechtes Geschick ertragenkonnte: er war nicht minder wild als Besiegter denn als Sieger». So ehrteBarbaro seine Gegner über den Tod hinaus. In seinem ganzen Schreibenmüht er sich, durch die schlimmen Erfahrungen von Caravaggio ge-witzigt, um jeden Preis eine zweite solche Niederlage zu verhüten. Gen-tile sei vom Senat aufs beste ausgerüstet, und er dürfe Venedig die Wahl,ihn zum Führer erhoben zu haben, nicht bereuen lassen. «Mit einemFeinde aber kämpfst du, der in der Kriegskunst und durch die Ge-schicklichkeit seiner Begabung sehr viel vermag. Sein Ansehen ist einso gewaltiges, wie es ihm, der von Jugend im Waffendienst erzogen, nuralterprobte Heere, die Schätze Italiens und der Ruhm seiner Taten er-werben konnten. Aber vielleicht beginnt, wie von den Seinen berichtetwird, die Kraft seines Geistes und Körpers teils durch seine Zügel-losigkeit in allen Dingen, teils durch die Eigenart des Emporkömmlings