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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
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VIII ALTERSWEISHEIT

vermöge. «Was könnte beim comes nicht Cosmus (a comite Cosmus)und bei Cosmus nicht ein Barbar durchsetzen?» Die Schwierigkeit Hegeaber darin, daß Ermolao Donato und Cosimo de'Medici politischeGegner seien. Jemand könnte sagen: Ermolao Donato weiche in Fragender Politik doch sehr oft und stark von Cosimo ab, so daß dieser jetztkeine Veranlassung habe, sich für ihn in besonderem Maße einzusetzen.Barbaro läßt das aber nicht gelten. Die Uneinigkeit zwischen ihnen rührevon seiten Donatos nicht von persönlicher Gehässigkeit gegen Cosimo her,sondern von den verschiedenen Gesichtspunkten für das venezianischeund das florentinische Staatswohl, «wie zur Heilung von Freunden ge-rufene Ärzte (medicü), jeder nach eignem Gutdünken dasjenige Mittelanwendet, das ihm heilbringend scheint. Diese Meinungsverschieden-heiten sind daher nach der guten Seite hin auszulegen, weil sie beider-seits für das Wohl des bedrängten und kranken Gemeinwesens verordnetwurden». Mit klaren unzweideutigen Worten umreißt Barbaro den tief-greifenden Gegensatz zwischen der mediceischen und der venezia-nischen Haltung in Staatsdingen: «Du (Cosimo) glaubtest den Um-ständen nachgeben zu müssen (Tu cedendum fortunae censebas), er(Ermolao Donato) stemmte sich dawider, daß die Waffengewalt eineseinzelnen das Übergewicht gewänne über Gesetz und Autorität desStaates.» Man sieht, der große Florentiner ist in seiner Haltung der Vor-gänger seines berühmten Landsmannes Machiavelli ; auch dessen Staats-gesinnung läßt sich nicht treffender kennzeichnen als mit den WortenBarbaros: fortunae cedendum censere, während die Venezianer Barbaro-Donato mit der ganzen Überzeugungskraft ihrer unantastbaren Führungals Staatsmänner sich für Ratio und Dignitas einsetzen. Freilich hattendie letzten Jahre mit ihren schweren Mißgriffen in der venezianischenPolitik Barbaro zur Genüge gezeigt, daß auch seine Landsleute zu ihremSchaden den Lockungen der unsteten Fortuna nicht widerstehen konn-ten. Was jedoch er immer vertritt, ist die Staatsidee seiner Vaterstadt,die nicht durch einzelne und von ihm offen zugegebene und gerügteMißgriffe um ihren Sinn gebracht werden kann.

Zum Schluß seines langen eindringlichen Briefes bittet Barbaro, daßCosimo den politischen Gegensatz vergessen möge, wenn auch nochsoviel zwischen ihm und Donato in Parteileidenschaft gesündigt worden