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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
Entstehung
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schien es mir fast als eine Pflicht, der Nachwelt ein wahrheits-getreues Bild dieser Zustande zu hinterlassen, in dem die Er-zählung meiner Lebensschicksale nichts weniger als Hauptsachebehandelt werden, sondern nur zur Ausleihung der um sie sichausbreitenden Verhältnisse dienen sollte. Ich habe diesen Planeinstweilen aufgegeben, weil das einzige mir gebliebene Augesehr der Schonung bedarf. Dafür aber hoffe ich, diese kürzereSelbstbiographie, die vorzugsweise die Daten meines äußerenLebens festlegen und die innere Entwickelung desselben nur an-deuten soll, vollenden zu können. Damit entgehe ich auch derAlternative, die mein alter Lehrer und Freund, der PhilosophJohann Eduard Erdmanu in Halle, mir einst entgegenhielt, alsich ihn aufforderte, seine sicher sehr interessanten Lebenserin-nerungcn zu Papier zu bringen.Um die Wahrheit über michzu sagen, bin ich zu eitel, und um zu lügeu, zu stolz", ent-gegnete er mir.

Ich bin geboren zu Wichmannshauscn in Niederhessen,am 16. November 1830. Das Dorf liegt am Fuße deralten Reichsburg Boyueburg, au der Sontra , einem kleinenBache, der sein Wasser mit dem der Wohra vereint unterhalbEschweges in die Wcrra ergießt. (Jetzt berührt die Eisen-bahn von Göttingen nach Bebra den Ort.) Mein Vater,Hermann Hartwig, war seit August 1828 hier Pfarrer derreformierten Landeskirche. Einer alten hessischen Bauernfamilie,die aus Lispenhauseu bei Rotcnburg a. d. F. stammt, entsprossen,waren seit dem vorvorigen Jahrhundert seine VorfahrenKir-chen- und Schuldiener" in Oberbeisheim bei Homberg a. d. E.und Besitzer eines Landgutes daselbst gewesen. Der Gewohn-heit mehrerer Generationen folgend studierte ein Sohn desSchullehrers Theologie, ein anderer setzte den Beruf des Vatersam Orte fort. So bezog mein Vater 1818 die UniversitätMarburg , nachdem er bei einem Pfarrer Fischer in Sipperhausendie damals nötige Vorbildung erhalten und die Erlaubnis, zustudieren, von der Regierung als ein Kind nichtschriftsässigcr"Eltern erbeten und erhalten hatte. Nach bestandenem theolo-