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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
Entstehung
Seite
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des Bahnhofs aus, in die lange Bahnhofstraßc mit ihrenhohen Mietskasernen blickend, in eine Volk- und VerkehrreicheStadt hinein zu schauen glauben könnte, sah man damalseine stille hochgebaute Stadt mit einem ihrer ganzen sonstigenAnlage entsprechenden ländlich malerischen Eingänge vor sich.Die Anlage des Bahnhofs, ein gutes Stück vor dem Nord-ende der schon so weit ausgedehnten Stadt, ist für derenEntwicklung verhängnisvoll geworden. Daß sie nicht zweck-mäßig war, beweist schon allein die Tatsache zur Genüge,daß die Bahnverwaltung es doch für nötig gefunden hat,wenige Kilometer südlich von dem alten Bahnhöfe einenneuen kleineren für den Lokalverkehr anzulegen. Wäre derBahnhof von Anfang an näher dem Zentrum der Stadt,nördlich oder südlich der Vorstadt Weidenhausen, erbaut worden,so würde die Stadt sich nicht noch weiter ganz unnatürlichund noch dazu teilweise in das Überschwemmungsgebiet derLahn ausgedehnt haben und ihr große Kosten erspart wordensein. Man hat deshalb die Anlage auf persönliche und nicht-sachliche Gründe zurückgeführt. Es wurde allgemein erzählt,der Großwirtzum Ritter" habe dem Oberingenieur desEisenbahnbans, dein Belgier Splingard, bei einem lukullischenMale, das mit Sekt reichlich begossen war, die Entscheidungabgeschwatzt, den Bahnhof vor dem Nordende der Stadt, ingünstiger Lage für seinen Gasthof, anzulegen. In der Tathaben nur die am Nordende erbauten Gasthöfe Vorteile vonder unglücklichen Lage des Bahnhofs gezogen, den größtenaber der Besitzer des ehemaligen Deutschordensgutes, auf des-sen Grund und Boden nicht nur der Bahnhof sondern eineganze Anzahl Privater und staatlicher Häuser erbaut werdenmußten, für die die Nähe des Bahnhofs wünschenswert, janotwendig war.

Ich war bis dahin nie in Marburg gewesen und hattehier auch keine mir näher bekannte Familie, bei der ich am2. Mai 1850 hätte absteigen können. Ich war deshalb ent-schlossen, meine erste Nacht in einem Gasthofc der Museustadt