Druckschrift 
Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
Entstehung
Seite
41
Einzelbild herunterladen
 

41

1860 in der That weniger als heute. Denn damals wardie Bautätigkeit in Marburg fast ganz erloschen. Jahrzehnte-lang entstand fast kein einziger Neubau. Als in den fünf-ziger Jahren eine chirurgische Klinik erbaut werden mußte,soll es daher Schwierigkeiten gehabt haben, einen MarburgerMaurermeister zu finden, der den Bau nach den Plänendes Universitätsarchitekten auszuführen bereit gewesen wäre. Unstreitig ist, daß das gesamte Banhandwerk in Marburg erst durch die von Professor Lange geleitete Restauration desInneren der Elisabethenkirchc, die von einem 1847 in demMarbachtale niedcrgcgangencn Wvlkenbruch arg verwüstet wor-den war, einen segensreichen, noch heute fortwirkenden Anstoßerhalten hat. Wer die Stadt 1850 gekannt hat, wird nichtleugnen können, daß sich ihr Aussehen auch in ihren innerenTeilen bedeutend zu ihrem Vorteile verändert hat. Daß dashier und da nur auf Kosten ihres malerischen Aussehens ge-schehen konnte, mag bedauerlich sein. Aber selbst der ver-bissenste Altertümler und Romantiker würde sich heute zehn-mal besinnen, das Alte für jetzt znrückzubegehren.

Ein Freund früherer Zeiten kann heutzutage seine Freudeaber noch an dem alten Pflaster haben, das fast noch schlimmerist als in den fünfziger Jahren, als der Ästhetiker Fr. Bischerseinem Freunde Eduard Zeller gesagt haben soll, Marburg komme ihm vor, als wie mit Stiefelknechten gepflastert. An-deres ist besser geworden. Ich kann wenigstens versichern,daß am 2. Mai 1850 die Stadt als solche, abgesehen vonihrer unvergleichlichen Lage und ihren herrlichen monumen-talen, aber mittelalterlichen Bauwerken einen höchst unerfreu-lichen, durchaus rückständigen Eindruck aus mich machte.

Als wir an jenem Maitage den Steinweg erklommenund uns durch die damals noch überall sehr enge Wetter-und Marktgasse hindurchgewnnden hatten, zeigte mir zuerstder Marktplatz ein erfreulicheres Stadtbild. Wie erstaunt warich aber, als wir denselben schief kreuzend neben dem Rathausin ein enges Gäßchen einbogen, eine alte, stark ausgetretene