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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
Entstehung
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Treppe hinabstiegen und dann in ein anderes Gäßchen ge-langten, das bergabführend in seinem unteren Ausgang kaumMannesbreite hatte. Fast noch erstaunter war ich aber alswir in unser Quartierhaus eintraten mit einem dunklen Flur,von dem nicht klar ersichtlich war, ob er gedielt, gepflastertoder gar nicht belegt war, und eine uralte Holztrcppe hinauf-stiegen und von freundlichen, aber ärmlich aussehenden Haus-leuten in unser Zimmer geführt wurden. An ihm war nichtsErfreuliches als der Ausblick aus den zwei kleinen Fensternauf ein von Häusern und engsten Gassen eingeschlossenesGärtchen, in dem unter einem blühenden Birnbaum einFärber frisch gefärbte Garnsträuge an einer langen Stangetrocknete. Ich war wahrlich kein verwohnter junger Mann,das elterliche Pfarrhaus entstammte dem 16. Jahrhundertaber auf der Schule in Hersfeld hatte ich doch viel freund-licher gewohnt. Mein Entschluß stand rasch fest: In einegleiche oder ähnliche Bude ziehst du als Mnsensohu nicht.Und das geschah auch nicht; denn ich fand am folgendenTage auf der Hofstndt ein gutes Zimmer mit Kabinett, wennich nicht irre, zu 16 Taler für das Semester, in dem ichdann meine ganze Marburger Studienzeit gewohnt habe.Denn auch mein Hauswirt war ein guter Philister, wie ihnein Student braucht. Schon sein Vater hatte eine Kolonievon Studenten bei sich beherbergt und er wußte daher, wieman init Studenten umzugehen habe. Obwohl er ein vielbeschäf-tigter Schneidermeister war, bekümmerte er sich persönlich umseinen Studenten, kochte selbst ihm den Kaffee, besorgte ihm allemöglichen Dinge, offenbar weil ihm das von Jugend auf zuranderen Natur geworden war und es ihm Freude machte. Daer auf regelmäßige Bezahlung der Miete und des Hauspumpsrechnen konnte und er ein ordentlicher Mann war, so übervor-teilte er mich nicht, brannte auch im Winter nicht in seinen Ofenvon meinem aus dem städtischen Holzmagazin akquiriertenBuchenscheitholze, machte vielmehr das Feuer mit seinen eigenenSpänen an, kurzum, war ein braver Philister, der mich auch