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vorsorglich pflegte, als ich einmal schwer krank geworden war.Mir ihn gab es auch die vier Marburger Ideale, die 1867ein spöttischer Berliner als die einzigen der MarburgerPhilister entdeckt haben wollte: Ein Häuschen, ein Gärtchen,ein Schweinchen und einen Studenten!
Da ich nun hier einmal von einem alten echten Mar-burger Philister geredet habe, so will ich dieser Skizze gleichdie einer anderen, für jene Zeiten charakteristischen Persönlich-keit anschließen, die heutigentags, glaube ich, keine Nachfolgemehr gefunden hat, ich meine die meiner guten Stiefelwichserin,der braven Frau Jung. Nachdem John Tyndall in seinenMarburger Erinnerungen dem „Mariechen", d. h. dem Stiefel-wichser Steinmetz, einen ehrenvollen Denkstein gesetzt und einanderer weniger lobenswerter Wichsier in einem RomanJulius Rodenbergs eine Rolle zugeteilt erhalten hat, darf ichwohl auch der alten Frau gedenken, die jeden Morgen,Sommer und Winter, zwischen drei und vier Uhr, ihr Stäb-chen mit Laterne, Bürsten und Ausklopfstock verließ nnü ihrenRundgang bei ihren Kunden antrat. Sie hatte den schwerenDienst für sich nicht nötig, aber ihre einzige kränkliche Tochterwar an einen versoffenen Stiefelwichser verheiratet, der sich umIran und Kinder nicht bekümmerte, die also die alte Mutter er-nähren mußte. Und wie sie gegen ihr eigenes Fleisch undBlut voll Treue und Aufopferung war, so auch für ihreStudenten. Sie hatte nicht lauter Tugendspiegel unter ihrerKundschaft. Fand sie ihre Kunden des Morgens noch nichtzu Hause, oder waren sie betrunken gewesen, dann nahm sichdie Frau Jung heraus, dem jungen Tunichtgut in das Ge-wissen zu reden, und half das nichts und wurde die Bummeleiund Unordnung immer größer, dann wußte sie Mittel undWege zu finden, das dem Vater des Tunichtgut zu stecken.Man wußte das, aber die Frau Jung hatte doch immer bisin das höchste Alter, wo sie sich kaum noch über die Straßeschleppen konnte, eine gute Kundschaft, und gar mancher istihr für die Strafreden, die sie ihm gehalten, dankbar geblieben.