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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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drohenden Aufhebnng gerettet die einzige Universität desKurstnatcs geworden war. Die Konkurrenz der den Landes-grenzen nur allzu nahen Universitäten Göttingen und Gießenkonnte die knrhessische Hochschule nicht überwinden, selbst wenndie Herrscher des Landes bessere Einsicht und besseren Willenzur Hebung der von ihrem Ahnherrn gegründeten hohenSchule gehabt hätten.

Man darf wohl behaupten, daß es kaum in Deutschland in diesem 19. Jahrhundert einen Kleinstaat gegeben hat, inwelchem so wenig ein inneres Verhältnis zwischen dem Herr-scherhause und der Landesnniversität bestand, als in Knr-hessen unter dessen drei letzten Regenten. Namentlich unter demletzten Kurfürsten war dieses der Fall, obwohl er sich selbst eineZeitlang in Marburg studierenshalber aufgehalten hatte undsein Erzieher ein angesehener Lehrer an der Universität ge-wesen war. Ihm fehlte jede Ahnung von der Bedeutungder wissenschaftlichen Studien, ja man darf sagen, er haßtedie wissenschaftliche Bildung, weil er ihre Vertreter als Trägerliberaler Ideen, also als Gegner der fürstlichen Allgewalt,beargwöhnte. Seinen eigenen Kindern wollte er nur eine Bil-dung beibringen lassen, wie sie für ihre äußere Stellung durch-aus erforderlich war. Als einer seiner Söhne darauf bestand,eine Universität zu beziehen, hatte er lange Zeit gegen denWiderstand des Vaters anzukämpfen, der keineStuben-hocker" aus seinen Kindern gemacht sehen wollte. Er warder Meinung, daß das Studium auch der körperlichen Ent-wicklung schade und wollte eigentlich nur eine Vorbereitungfür den Militärdienst bei ihnen gelten lassen. Das schloßnun freilich nicht aus, daß, wenn es ihm gerade Paßte, ersich der Unterstützung von Gelehrten gern bediente und dannmit einer Art von Hochachtung von deren Kenntnissen sprach.Sehr gelehrter Mann sein," hob er dann von dem Ver-fasser eines Gutachtens hervor, als wisse er das zu schätzen.

Aber gelehrte und tüchtige Männer nach Marburg zuberufen, das lag ihm gänzlich fern. Und wenn nun doch um