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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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die in Preußen so übel ungesehenen Liberalen in Hessen dieeinzigen Freunde der neuen Zustünde, während die kirch-lichen und politischen Konservativen Hessens die grimmigstenFeinde Preußens waren und ihre ehemaligen schwarzweißcnBundesgenossen von der Krcnzzeitungspartei als falsche undübcrzeugungslosc Lcgitimisten, von ihrem Standpunkt ausmit vollem Recht, geradezu verachteten. Namentlich demfanatischen Führer des hessischen reaktionären Partiknlarismus,dein Konsistorialrat Vilmar, waren geradedie christlichenPreußen" die verächtlichsten. Nach ihn: steckte ja auch inPreußen etwas vom Antichristen".

Es half daher auch dem guten Rocdcnbeck nichts, wenner sich ihm gegenüber alssehr lutherisch ausspielte". Eingrößerer Gegensatz, als zwischen diesen beiden Männern schonrein äußerlich bestand, läßt sich übrigens kann: denken. Dervierschrötige, schweratmende Vilmar mit dem zerrissenen Ge-sichte, der Michel Angclo für eine seiner Gestalten des jüngstenGerichts als Modell hätte stehen können, und dieser zarte,feine, blonde Rocdenbcck, der nichts Imponierendes an sichhatte und auch durchaus nicht darnach strebte, - etwas vor-zustellen undden Festochsen aus sich zu machen", wie erwohl zu sagen pflegte! Und in dieser Richtung lagen alledie Vorzüge des Mannes. Er war ein fleißiger, gewissenhafterArbeiter von ehrlicher Überzeugung, wahrheitsliebend undwohlwollend, treu und ohne Falsch. Ein guter Geschäftsmann,sorgte er dafür, daß in seinem Bureau Ordnung herrschte;er überließ die Arbeit nicht den Subalternen und war seinenhohen Vorgesetzten gegenüber keineswegs allzu ängstlich. Hatte eretwas für richtiger erkannt, so erhob er Wohl gegen nicht zu-treffende Verfügungen höheren Orts Einsprache und monierte,wenn die Sachen nicht recht vorwärts zu bringen waren.Obgleich er Wohl wußte, daß ich Politisch und kirchlich ganzanderen Überzeugungen huldigte als er, hat er mich das ge-schäftlich nicht nur nicht empfinden lassen, sondern, nachdemwir uns auf dem Boden der amtlichen Tätigkeit gefunden