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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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Stelle des nach Kassel versetzten Germanisten Dr. Grein ge-treten war. Ich erhielt die Stelle des verstorbenen außer-ordentlichen Professors der Philosophie Dr. K. Vorländer, derder Bibliothek seit k854 in seiner Weise gedient hatte.

Die beiden Häupter der Bibliotheksverwaltung warensehr verschiedene Naturen. Henke, bei aller nicht gewöhnlichenGelehrsamkeit in der historischen Theologie philosophisch wohlvorgebildet und in den modernen Literaturen sehr gut belesen,so daß ihm stets für alle vorkommenden Fälle ein klassischesZitat zur Verfügung stand. Er war ein geistvoller Gelehrter,aber kein Geschäftsmann, wie er an die Spitze einer Biblio-theksverwaltnng gehört. Momentanen Eindrücken und Launenzugänglich, war ihm jede feste Ordnung und regelmäßigeTätigkeit vom Übel. So gewissenhaft er in der Vorbereitungund im Halten seiner Vorlesungen war, so wenig sagte ihmder strenge Dienst an der Bibliothek zu. Er war ja jedenTag 23 Stunden auf der Bibliothek anwesend und arbeiteteauch in seiner Weise, trug die theologischen und kuusthistorischcnAnschaffungen in den Realkatalog ein, führte die Korrespon-denzen mit den auswärtigen Buchhändlern, schrieb auch Titelauf die Rücken der Bücher, da er eine schöne Handschrift hatte,usw. Aber das ging alles so sprunghaft und ohne Ein-haltung der Stunden vor sich, daß er dabei viel Zeit verlor.

Auch in der Auswahl der anzuschaffenden Bücher folgteer häufig mehr subjektiven Gesichtspunkten als den Bedürf-nissen des Instituts. Darüber war es zwischen ihm undGildemeister, der mehr als ein Jahrzehnt die treibende Kraftder Bibliothcksverwaltung gewesen war, nicht ganz selten zuunangenehmen Szenen gekommen, die dann aber bei derWeichherzigkeit und der Friedensliebe Hcnkes, wenn auch inner-lich nicht ganz, so doch äußerlich bald wieder überwunden waren.

Der rein geschäftliche Ton Gildemeisters, seine ganze Art,still und konsequent bei der Arbeit zu sitzen und kurz undungebunden Antworten zu geben, waren Henke ganz unsym-pathisch.Wir sind doch nicht auf einem Bremer Kontor",

Hartwig. Aus dem Leben. 6