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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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bibliothek empfindlich geschädigt hatte. Es war keine Eitelkeit,die mich ihm gegenüber mild stimmte, als er hinter meinemRücken eine für mich vorteilhafte Versetzung hintertrieb, daich ihm schwer zn ersetzen zu sein schien,- vielmehr war esdie Erwägung, daß man einem Alaune gegenüber, der sichselbst im öffentlichen Dienst aufrieb, eine solche Nichtberück-sichtigung persönlicher Wünsche nicht so hoch anschlagen dürfe,die mich das mir zugefügte Unrecht leichter verzeihen ließ.Er meinte Wohl, es sei meine Schuldigkeit, in Marburg zubleiben und einmal sein Nachfolger zn werden.

Einstweilen hatte ich in Marburg als Bibliothekssekretärbei täglich fünf Dienststundcn schwer zu arbeiten. Man hattemir dasselbe Arbeitspensum auferlegt, das man meinem Vor-gänger, dem Professor Dr. Vorländer, ein wenig ab iratoaufgebürdet hatte. Wie dieser harmlose, wissenschaftlich durch-aus nicht unbedeutende Gelehrtes an die Bibliothek gekom-men war, hat Zedler (a. a. O. S. 133) ausführlich erzählt.Daß sich der Mann, der nach unüberlegter Gründung seinesHausstandes sich in bitterer Not sah und kein Aufrücken inein Ordinariat und Zulage mehr zu erwarten hatte, nachehrlichem Gelderwerb umsah und dann von seinem in-triganten Schwiegervater auf die einige Hundert Taler ein-tragende, nicht definitiv besetzte Stelle des Bibliothekssekretärsaufmerksam gemacht sich nun in Kassel um diese bewarb,war ihm an sich nicht zu verübeln. Ebenso wenig ist aberauch der Zorn unverständlich, der die Bibliothekare, nament-lich Gildcmeister, ergriff, als ihnen Vorländer in der bru-talsten Weise 1854 durch Hassenpflng oktroyiert und der tüch-tige bisherige Beamte, Dr. naecl. Möller, entfernt wurde.

Wäre Vorländer als Bibliothekar brauchbar gewesen, sowürde sich das Mißverhältnis zwischen seinen Vorgesetzten undihm wohl rascher ausgeglichen oder doch abgeschwächt haben.

1) Siehe den Artikel von Hcinze in der Allgemeinen deutschenBiographie , Band 40, S. 306.