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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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Kuabenzeit an finden wir ihn, wie schon erwähnt, für sieempfänglich. Des sinnlichen Reizes, der seiner Bewun-derung, seiner Anbetung eines zwölfjährigen Mädchens zu-grunde liegt, war er sich, so scheint es fast, freilich noch garnicht bewußt. Aber die robuste Sinnlichkeit erwachte auch inihm und zwar mit großer Gewalt. Er stieß mit ihr abersofort auf die puritanisch-strengen Anschauungen, die in seinemElternhanse in der noch in strenger Zucht regierten Kircheherrschten, heftig zusammen.

Es entwickelte sich in ihm ein Kampf, der zunächst seineigenes Leben für sich erfüllte, ihm aber dann auch die ganzeübrige Welt als in diesem wilden und alles beherrschendenKampfe stehend erscheinen ließ. Sinnlichkeit und kirchlichesGebot, subjektives Verlangen und feste Zucht, rationelles Den-ken und absolute einmal gegebene Satzung, fleischliches Be-gehren und hyperüsthetisches Empfinden verdichteten sich immermehr für ihn zu neuen Gegensätzen von gut und böse, von jen-seits und diesseits, von Gott und Satan. Über deren Ver-hältnis zueinander, ihren möglichen oder unmöglichen Kausal-zusammenhang nachzusinnen und ihn nicht als einen faktischeneben gegebenen, unbegreiflichen hinzunehmen, schien ihm schoneinfach unchristlich zu sein. Der Zweifel ist für ihn derun-glücklichste und zerrüttendste, wahrhaft männermordende Zu-stand". Das um so sicherer, als nach ihn: jeder Zweifel scn-sualistischen Ursprungs war und schon darum als mit sündlicheuRegungen befleckt galt.

Steht das aber einmal fest, so begreift sich leicht, wieVilmar die ganze moderne Theologie leicht überwinden konnte.Jeder Versuch, die Wahrheit zu erforschen, ist ihm hier schonein Verbrechen, denn die Wahrheit ist eine gegebene. Unddiese absolute Wahrheit war ihm in der dualistischen mittel-alterlichen Weltauffassung wieder lebendig geworden, die aller-dings ihre altchristlichen Vorbilder hatte. Es ist recht be-zeichnend für Vilmar, daß er Tertullian besonders hochschätzte,den realistisch und juridisch denkenden Kircheumann. Aber so