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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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sozialen Tugenden, die er seinen nächsten Angehörigen, seinenFreunden nnd allen, die ihm mit Anliegen nahten, mochtensie hoch nnd niedrig im äußeren Leben gestellt sein, in Wortnnd Tat entgegenbrachte?

Und doch gibt es noch eine andere für den Augenblickgeringer nnd untergeordneter erscheinende Lösung der Auf-gabe, die in der Tat aber bon einer größeren Auffassungderselben getragen wird. Wer, einem Bedürfnisse seinesHerzens folgend, einfach und wahr der Welt sagt, was ihmein bedeutender Mensch war, wird damit freilich auch derZukunft nnd dem Andenken des Freundes in ihr dienen.Er wird einen Beitrag zu dessen Würdigung, ein mehroder weniger wichtiges historisches Zeugnis über ihn liefern.Aber die Zukunft nnd das endgültige Urteil der Geschichteverlangt noch nach anderem als nach dein Ausdrucke desSchmerzes und dem warmherzigen Urteile über den Freund.Sie verlangt nach Taten aus dem Leben des Verstorbenen,um zu erklären, soweit das individuelle Wesen überhaupterklärbar ist, unter welchen äußeren Umständen und Be-dingungen sich eine Persönlichkeit in der einmal von ihr ein-geschlagenen Richtung entwickelt und so ausgestaltet hat, wiesie uns entgegentritt, nm darnach ihr die richtige Stellung inder Gesamtentwicklung des Prozesses, an dem sie teilge-nommen, anzuweisen. Das Bedürfnis nach der Sammlungvon Tatsachen aus dem Leben eines Einzelnen, welcher beiseinen Lebzeiten der Welt nur durch seine Taten als Schrift-steller wert gewesen ist, setzt allerdings aber, wenn wir vonder Nötigung absehen, die eine mehr äußerliche Beschäftigungmit dem Schrifttum bedingt, bestimmt voraus, daß das Lebendieses Einzelnen doch noch ein ganz besonderes, wichtigere sMoment in der Gesamtentwicklung der Zeit abgibt, alsoeine gewisse historische Bedeutung gehabt hat. Und diese möch-ten wir allerdings auch Karl Hillebrand prädiziercn.

Unser Freund war ein Deutscher von Geburt und geisti-ger Veranlagung. Aber er hat nur die ersten zwei Dezennien