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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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welcher mir von Anfang an, da ich als blutjunger, uner-fahrener Mensch nach Paris und in Berührung mit ihm kam,zugeredet hat, alle Examina in Frankreich zu machen, welchezur Ergreifung einer regelrechten Karriere dort notwendigsind.Sie haben alle Brücken hinter sich abgebrochen," sagteer zu mir,und müssen hier festen Fuß fassen, wollen Sienicht ein Leben führen, wie die Mehrzahl der hiesigen deutschenFlüchtlinge; das geht aber nicht ohne die üblichen Prüfungen."Das habe ich Heine nie vergessen und stets dankbar seinesRates gedacht."

Zunächst war aber Hillcbrand diesem guten Rate nichtso zugänglich. Er ließ sich wieder in Verbindung mit allerleiradikalen Genossen ein, die noch immer Deutschland zn revo-lutionieren gedachten. Die Schwester Marie, die in Paris geblieben war und das beobachtet hatte, fand es geraten, ihnvon dieser seiner Umgebung zu befreien. Nahe befreundetmit einer Dame, welche eine Nichte in Bordeaux verheiratethatte, bat sie jene, dort hinzuschreiben und zu fragen, ob sichin dieser konservativsten Stadt des damaligen Frankreichs nichtGelegenheit finde, deutschen Unterricht zn erteilen. Die Borde-laiserin antwortete sofort, es sei gerade jetzt ein Lehrer desDeutschen dort sehr erwünscht; der Herr, welcher bisher inBordeaux deutsche Stunden gegeben habe, Ad. Laun (der be-kannte Moliere-Forscher), sei soeben abgegangen, und dieLücke, die er in Bordeaux gelassen, werde dort schmerzlichempfunden. Die Dame, die diese Nachricht ihrer Tante mit-teilte, ist 29 Jahre später, nach dem Tode ihres ersten Man-nes, die Gattin und aufopferndste Pflegerin Hillebrands ge-worden.

Auf diese gute Nachricht hin, bestimmte Marie Hille-brand ihren Bruder, nach Bordeaux überzusiedeln. Er tates nur mit schwerem Herzen und schrieb seiner Schwester:Auf Dich kommt es, wenn das Vaterland an mir nicht hat,was ich ihm sein könnte." Aber bald befand er sich in Bor-deaux (seit dem August) wohl, wenn auch das Heimweh an