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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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Eine mehrjährige Unterbrechung erlitt der WciszenfclserAufenthalt der Dichterin durch die Aufforderung ihres OnkelsKarl, der seine Gemahlin 1848 verloren hatte, bei seiner un-verheirateten Tochter Gesellschafterin zu werden. Louise begabsich deshalb nach Minden , wo damals Karl von Fran^oisFestungskommandant war. Als er sich hatte pensionierenlassen und nach Potsdam übergesiedelt war, zog Louise ihmdorthin nach und hat den tapferen Mann in der rührendstenWeise bis zu seinem 1855 erfolgten Tode gepflegt.

Nach Weißcnfels zurückgekehrt, hatte sie sich bald neuerPflege zu widmen. Ihr Vater erblindete immer mehr, dieMutter war gelähmt, die Mittel zur Haushaltungsführuugwurden immer knapper. Traurigste Jahre hat unsere Freun-din damals in Weißenfels verbracht. Es ist nach dem Zeug-nisse ihrer nächsten und fast einzigen noch lebenden Jugend-freundin, der Frau Mathilde Thümmel, geb. Graefe >), allerdingsvollkommen richtig, daß Louise damals zur Feder griff, ummit ihr sich Geldmittel zur besseren Verpflegung ihrer Elternzu verschaffen. Aber ebenso richtig ist es, daß sie auch, ohnedaß sie etwas geschrieben Hütte, eine Dichterin gewesen wäre.Waren ihre ersten von dem CottaschenMorgenblatte" ver-öffentlichten Erzählungen nicht gerade hervorragend, so ver-rät doch das Hauptwerk, das unter dem Drucke der bitterstenäußeren Verhältnisse entstanden ist,Die letzte Reckenburgcriu,"nicht das geringste von diesem Drucke, sondern bewegt sichauf den freien Höhen einer reinen idealistischen Anschauungdes Menschenlebens. Die tapfere, edle Seele Louiseus, dienoch dazu damals selbst von einen: nicht unbedeutenden kör-perlichen Leiden heimgesucht war, unterwarf sich nicht pes-

1) Dieser trefflichen Dame, der Witwe des bekannten Shake-speare-Kenners Dr. Julius Thümmel, eines Weißenfelser Kindes,verdanke ich sehr viele meiner Mitteilungen über Louise von Fran^ois,wie denn auch Frau Thümmel meine persönliche Bekanntschaft mitder Dichterin vermittelt hat. Die Mutter Louisens starb 1871,der Vater 1874.