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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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simistischen Anwandlungen zu denen doch sie wie wenigeandere Frauen äußeren Grund genug gehabt hätte. Konntedie Ärmste doch kaum einen Verleger fürDie letzte Recken-burgerin" finden. Dr. Julius Thümmel, der sich für sie umeinen solchen bemühte, hatte sonderbare Erfahrungen hierbeizu machen. Der Besitzer einer viel gelesenen Wochenschrift,dem Thümmel den Roman angetragen hatte, machte ihmschließlich nach dessen Erscheinen und dem großen Beifall, dener fand, noch Vorwürfe, daß er denselben nicht ihm offerierthabe! Schließlich hat eine warmherzige Berliner Dame denVerkauf des Romans an einen bekannten Berliner Buch-händler für 300 Mark vermittelt. Zu allen ihren Leidens-geschichten hat Lonise auch die einer angehenden deutschenRomanschriftstellerin bis zur Neige ausgekostet. Nachdem abereinmal der Bann durchDie letzte Reckenburgerin" gebrochenwar, hat sie noch viel Freude an ihrer Schriftstellerci erlebt,wenngleich sie auch selbst nicht verkannte, daß ihr nie wiederein Wurf so gelungen sei, wie mit diesem Romane. Dereinzige Versuch, den sie mit der Dramatisierung eines ihr be-sonders nahe liegenden Stoffes in demPosten der Frau"gemacht, hat ihr freilich dann noch Schmerzen bereitet. Diesorgfältige Aufführung des Stückes, für das sich Frauvon Heldbnrg warm interessiert hatte, brachte ihm trotz seinerwirklichen hoch poetischen Schönheiten nur einen Achtungs-erfolg, A. Förster, O. Devricut, I. Thümmel und anderehatten das vorausgesehen, da dem Stücke die bühnengerechteForm mangelte. Niemand hat das besser ausgeführt alsH. Hornberger in einem seiner feinsinnigsten Essays.

In dieser Zeit ihres wachsenden Ruhmes als Schrift-stellerin habe ich Louise von Frankens kennen gelernt. Ausden ersten Blick mußte man sehen, daß man in ihr einewirklich bedeutende, echt vornehme und daher freie Persön-lichkeit vor sich habe. Über Mittelgröße schlank emporgewachsen,war die über sechzig Jahre alte Dame noch voller Schönheit;das ovale, bleiche Gesicht wurde ganz von den großen, leb-