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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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Werdens," so schreibt er in seinenErinnerungen" (S. 519),die so oft schöner ist als die der Erfüllung. Und geradedarum zog mich alles so lebhaft herüber. Wer mir damalsdas Bild der Dinge in der Perspektive gezeigt hätte, welchesdrei Jahrzehnte später mir vor Augen stehen würde, den hätteich für hirnverbrannt gehalten. Wer mir damals gesagt hätte,es werde die Zeit kommen, wo man mir nachsagen würde,ich verträte französische Interessen oder persönliche Vorteileoder gar jüdische Auffassung in deutschen Angelegenheiten!"Hatte nach seiner Meinung zu dieser Entwicklung der DingeBismarck keinen geringen Anstoß gegeben, so war er dochstets mehr geneigt, das deutsche Bürgertum anzuklagen, das,charakterlos und kurzsichtig zugleich, sich als unfähig zur Wah-rung seiner eigensten Interessen gezeigt hatte. Der Sieg derpreußischen Feudalpartei über das liberale Bürgertum wareinmal entschieden und an der ganzen Situation für absehbareZeit wenig zu bessern. Deshalb machte auch der Sturz desFürsten Bismarck im Frühjahre 1890 keinen tiefen Eindruckauf ihn. Er hat ihn wederbejubelt, noch bedauert". Daßdie Politik des Fürsten seit 1878 keine nennenswerten Erfolgemehr auszuweisen hatte, daß ihr bei seiner steigenden Nervositätschon längere Zeit nichts mehr recht gelinge, hatte er schonseit Jahren deutlich zu sehen geglaubt, und auch ausgesprochen.Mißerfolge würden ihn aber nicht stürzen, und nur vor derKrone, nicht vor dem Parlamente werde er weichen, schrieber 1888 (Die Nachfolge Bismarcks" S. 26). Daß er hierzuwerde gezwungen werden können, sprach Bamberger zwar schonAnfang Februar 1890 gegen einen Freund aus, glaubte aberselbst nicht daran (Ges. Schr. V, 323). Und als nun dasan sich Unwahrscheinliche doch wirklich geworden war, da wieder-holte er sich wohl die 1889 geschriebenen Worte, daß dasfreie Bürgertum keine Ursache zu dem Wunsche habe, denKanzler von dem Schauplätze seiner Tätigkeit verschwinden zusehen.Denn einen Nachfolger im Sinne der Gleichwertigkeitfür den ersten deutschen Reichskanzler gibt es nicht, und kann