Druckschrift 
Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
Entstehung
Seite
274
Einzelbild herunterladen
 

274

stände seiner Umgebung, die Natur seiner Freunde und Geg-ner und nicht zuletzt sich selbst in ihnen rückhaltslos gezeichnet.Man ist manchmal verblüfft über einzelne Indiskretionen,über manche scharfe Ausdrücke. Und doch gewinnt man balddie Sicherheit, daß weder Malice noch Leidenschaftlichkeit hierbeidas Wort geführt haben. Dinge und Personen, die der Er-zähler mit scharfem Blicke durchschaut und für die er dasrechte Wort gefunden zu haben glaubte, sollten nur mit ihmbehaftet bleiben. Und dabei ist doch trotz mancher scharf be-obachteten Blöße seiner Umgebungen sein Gcsamturteil überFreund und Feind im ganzen ein mildes. Sein Humorließ ihm die Torheiten der Menschheit, und bis zu einemgewissen Grade auch ihre Schlechtigkeiten, in einem heiterenLichte erscheinen. Nur Roheit und Gemeinheit der Gesin-nung, Hochmut ohne Verdienst, pfäffische Heuchelei und Herrsch-sucht konnten ihm kräftige Verdammungsurteile entlocken. Inreligiösen Dingen höchst skeptisch angelegt, war er gerade des-halb sehr behutsam, das Empfinden anderer hierin zu verletzen.Als ein Angehöriger eines Volkes, welches von der Unduld-samkeit Andersgläubiger Unsägliches zu leiden gehabt, wollteer sich daher, ebensowenig wie sein Freund Lasker, an demsogenannten Kulturkämpfe aktiv beteiligen, obwohl ihm diekatholische Klerisei mindestens ebenso gefährlich erschien alsdie lutherische Orthodoxie.

Und noch in einer ganz anderen Weise tritt in denEr-innerungen" seine Wahrhaftigkrit hervor. Man hat wohlgesagt, ihr Autor sei seinem Vorsätze untreu geworden, inihnen vor allem den Gegensatz von einst und jetzt, zwischender Zeit seiner Jugend und seines Alters, heraus zu arbeiten.Statt dessen schiebe er überall seine Person in den Vorder-grund, die er besser hätte zurücktreten lassen. Mansollte denen, die so urteilen, wünschen, sie möchten, wennsie in die Lage kämen, ihr eigenes Leben zu erzählen, nichtin den gerügten Fehler verfallen. Denn es ist nur zu natür-lich, daß jeder Autobiograph sich selbst in Helles Licht zu