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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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hat sie, wie gar manchen ihm persönlich unbekannten Partei-genossen, in der delikatesten Weise tatkräftig unterstützt. Daßer Söhnen von Freunden in deren Studienzeit pekuniär nach-half, gelegentlich wohl auch die Töchter ausstattete, verstandsich für ihn, den Kinderlosen, von selbst. Und noch in seinen:letzten Willen hat er zahlreiche Freunde und Freundinnenmit Geschenken reichlich bedacht. Denn er hatte sich in seinen:Leben nicht nur Freunde, sondern auch viele hochgebildeteFrauen zu Freundinnen gewonnen. Der gesellige Verkehrmit ihnen bildete für ihn einen besonderen Reiz seines Lebens,den er nicht entbehren mochte. Bon Paris her an ihn ge-wöhnt, hatte er ihn in Berlin wieder gesucht als eine Er-holung und Erheiterung von den rauhen Kämpfen des poli-tischen Lebens. Auf solche Ausgleichungen im Leben warsein Sinn überhaupt gar sehr bedacht. Neben der Arbeit,in: Geschäft und Parlament, hatte er für Poesie sich dasfeinste Verständnis bewahrt und kannte die Meisterwerke allerZeiten. Aber auch die Lektüre eines guten modernen Ro-mans war für ihn ein Genuß wie die Betrachtung guterGemälde. Es ist ganz bezeichnend für ihn, daß er besondersein Freund der Musik Mozarts war. Kunstkenner zu sein,beanspruchte er übrigens keineswegs. Aber er liebte allesSchöne. In Paris hatte er ein Jahrzehnt lang mit Wenigen:haushalten müssen, sich aber doch keinen höheren Kunstgenußversagt. Als er dann ein reicher Mann geworden war,schmückte er sein Heim mit guten Bildern ein ausgezeich-netes Porträt Döllingers von Lenbach zierte u. a. sein Ar-beitszimmer in Berlin Büsten und Kunstgegenständen.Sein Stolz waren seine auserlesenen Büchersammlungcn inBerlin und Jnterlaken. Sonst blieb seine Lebensführungeine relativ einfache. Aller Pomp und aufdringlicher Luxuswaren ihm zuwider. Seinen von Jugend auf schwächlichenKörper hatte er nur durch strenges Maßhalten sich so langedienstbar erhalten; nur durch eine weise Verteilung von Ar-beit und Genuß war er imstande sein Leben für sich und