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Legitimistische Rücksichten und nationale Bedürfnisse, spezifischpreußische Forderungen und die Interessen der neuen Pro-vinzen waren zu versöhnen. Die Minister, welche für dieKonfliktsperiode gewühlt waren, und deren Majorität schonvor 1866 die Last der Geschäfte auf die Schultern einigerweniger Kollegen abgewälzt hatte, waren für die neuen großenVerhältnisse garnicht gerüstet; an allen rächte sich doch dieeigene Vergangenheit, die Parteistellung, in der sie vor-dem Kriege gestanden hatten. Auch die Hemmungen, welchedie innere Entwicklung des preußischen Staates in der zweitenHälfte der Regierungen von Friedrich Wilhelm III. und IV.erfahren hatte, machten sich gar schmerzlich bemerkbar. Altesund neues war reformbedürftig, und nun sollte man diesesbeides, das auf verschiedenem Boden erwachsen war, gleich-zeitig in eine Form zusammengießen!
Wir geben gern zu, daß unter solchen Verhältnissen allenAnforderungen auch nur annähernd zu genügen fast einDing der Unmöglichkeit war. Und doch glauben wir Rechtzu haben, wenn wir behaupten, daß sich die preußische Re-gierung, namentlich in Beziehung auf die neuen Provinzen,die an sich so schwierige Aufgabe doch etwas zu leicht gemachthat. Nach zwei Richtungen hin wird sich das bewahrheitenlassen. Wir meinen, die Regierung hat zu viel borussifiziert,wo es nicht nötig tat, und sie ist, namentlich von feiten desKultusministeriums aus, zu sehr als Partciregierung auf-getreten.
Ein Staat, der in vielfacher Beziehung eine so aus-geprägte Individualität besitzt als der preußische, kaun ebenso-wenig von seiner Art lassen, wie eine in sich geschlosseneEinzelpersönlichkeit. Dies soll er auch nicht. Es tat garmancher Provinz, die er 1866 sich erworben hat, gut, daßsie mit etwas preußischem Geiste getränkt wurde. In Schleswig-Holstein hatte der nationale Widerstand gegen Dänemark einenProvinziellen Separatismus groß gezogen, der mit der Zeitsich auch ebenso scharf gegen Deutschland gekehrt haben würde.