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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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Trostspruche zu behelfen wissen und nach gut deutscher Artaus der Not eine Tugend machen. Wenn aber derselbe Be-amte nun seine Zeit mit Schreibereien ausfüllen muß, die erfrüher einfacher und doch zweckentsprechender, kürzer und dochsicherer besorgte, dann wird man ihm nicht einreden können,es sei besser geworden. Und glauben Sie mir nur, in dieserBeziehung haben wir fast in allen neuen Provinzen, Schleswig-Holstein ausgenommen, Rückschritte gemacht. Sie haben ein-mal gesagt, das Schelten auf die Bureaukratie sei jetzt zueiner Mode geworden. Ich meine, wenn alle Moden so gutwären als diese, sollten wir uns nicht grämen. Denn esgeht wirklich in das wahrhaft Lächerliche, was in Preußen alles registriert, rubriziert, klassifiziert, moniert, inventarisiert,kalkuliert usw. ge-icrt werden muß, ohne das jemand einenanderen Zweck dabei absehen kann als den, die Nummer desOrdnungsregisters recht hoch hinauf zu schrauben. Man suchtden Beamten in ein Netz von Zwirnfäden so einzuspannen,daß er ja nicht nach einer Seite hin von der Bahn desRechtes und der Pflicht abweichen könne, statt sich aufsein Pflicht- und Ehrgefühl zu verlassen. Und was istdie Folge davon? Wenn jemand einen solchen Zwirnfadeubeseitigt hat, was doch nicht schwierig ist, glaubt er sich vonseiner Pflicht befreit; daher wird alles formell erledigt, stattsachlich. Die vielen Vorschriften und Tabellen usw. werde»einfach zu Fallstricken für die Beamten.Sind wir dennüber Nacht sämtlich Spitzbuben geworden", sagten in Ehrenergraute Männer, als sie dieses Überwachungssystem sich intäglich neuen Kontrollierungen entwickeln sahen.In Preußen müssen viel Spitzbuben sein", meinten die anderen. EinGlück war es, daß dann altpreußische Beamte in nicht anzu-langen Zwischenräumcn hinter den Gesetzen und Verordnungenherkamen, welche die undeutlich gefaßten Bestimmungen undderen logische Fehler in ihrer praktischen Bedeutung er-klärten und das Ganze als das, was es ist, schilderten: inden meisten Fällen unnütze, weil ihren Zweck nicht erreichende,