Druckschrift 
Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
Entstehung
Seite
304
Einzelbild herunterladen
 

304

Sie nicht zu befürchten haben, auch ich gäbe das, was ichselbst über die Regierung dächte, für das Urteil des Volkesaus. Wenn nun auch in der Tat es sehr schwer sein mag,das durchschnittliche Mittel der Stimmung unseres Volkesrichtig festzustellen, da ja diese bei der großen Kluft, welchein Deutschland zwischen den sogenannten gebildeten Ständenund der großen Volksmasse sich immer mehr auftut, sich inganz entgegengesetzter Weise geltend machen kann und gewißnur in großen Krisen sich einheitlich aussprechen wird, soglaube ich doch auch wieder, daß man mit Hilfe von Analogien,wenn die Beobachtungen, wie selbstverständlich ist, in möglichstverschiedenen Kreisen exakt gesammelt sind, der Wahrheit nahekommen und selbst schon für die Gegenwart die Bewegungender Volksseele richtig beobachten kann. Und doch muß maneinige Kategorien der Bevölkerung sofort ausschließen, auf diedas Urteil sich nicht erstrecken darf. Von der politisch ganzteilnahmslosen Menge, die nur soziale Interessen verfolgt undsich jetzt erst zu deren Lösung politischer Hebel zu bedienenbeginnt, von jener unzurechnungsfähigen Masse ganz abgesehen,die heute für einen Tyrannen und morgen für die Republikschwärmt (wenn beide nur derMagenfrage" Rechnung tragen),kann auch die Partei nicht in betracht gezogen werden, dieden neuen Zuständen mit grundsätzlicher, durch religiöse undPolitische Prinzipien gebotener Feindschaft entgegen getretenist und noch entgegen tritt. Ihr kann die Regierung nichtsrecht machen, eben so wenig als den verbissenen Demokratenin den alten Provinzen. Für sie ist die Existenz des preu-ßischen Staates allein schon Grund zur Klage genug. Undwenn die Regierung sich noch so viele Mühe gibt, diesePartei zu versöhnen, und es hier und da ihr auch gelingensollte, einige ihrer Genossen zu gewinnen, so gehören die-selben gewiß nur zu den Ausschäumungen der Partei, andenen dann, selbst wenn sie nicht den gewöhnlichen Karriere-machern und Strebern zuzurechnen sein möchten, fast mehrverloren als gewonnen wird. Die preußische Regierung sollte