Druckschrift 
Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
Entstehung
Seite
321
Einzelbild herunterladen
 

321

und Persönlichkeiten, welche vor knnm einem Jahrzehnt nochdie Entrüstung jedes Patrioten wachzurufen imstande waren,

und Wränget die monarchische Restauration; der Ausgang aber ivargeraume Zeit nicht zu ermessen, und aus mehr als einer preußischenProvinz hörte man von drohenden Symptomen der Unzuverlässigkeit,wenn nicht der Linientcuppen so doch der Reservisten und Landwehren.Wenn es wahrscheinlich genug war, daß die Revolution ihren Höhe-punkt hinter sich hatte, so mochte am wenigsten in den deutschenKleinstaaten irgend jemand sich dem Gefühle völliger Sicherheit über-lassen, oder die Möglichkeit in Abrede stellen, daß irgend ein Anlaßplötzlich neue Umwälzungen herbeiführen könnte.

An einem finstern und stürmischen Abend dieses Novemberssaß ich einsam in meinem Zimmer, als mir ein Besuch gemeldetwurde: der Herr sei ein guter Bekannter, hieß es, ivolle sich abermir mir selbst nennen. Er trat dann ein, nicht bloß gegen dasSchneegestöber tief vermummt; als er ablegte, erkannte ich denfrüheren Minister Koch, der zu wiederholten Malen lange Zeit hin-durch das Steuer des hessischen Staates geführt, und unter schwierigenVerhältnissen sich stets den Ruf eines wohlgesinnten und umsichtigenMannes bewahrt hatte. Er sagte, daß er das Vertrauen zu mirhabe, daß ich in einer für ihn und vielleicht für das Land be-deutenden Frage ein unbefangenes Urteil geben würde. Dann er-zählte er mit verhaltener Entrüstung, wie gegen ihn, der ein Mcnschen-alter alle Kräfte mit redlichster Hingebung dem öffentlichen Dienstegewidmet, jetzt die Freunde und Agenten des Kurfürsten aller Ortenniederträchtige Gerüchte ausstreuten, als wenn er, Koch, der eigent-liche Urheber aller jener Fehlgriffe und Gehässigkeiten gewesen, welchedem Fürsten die Gunst der öffentlichen Meinung entfremdet hatten.So sei er aus Notwehr gezwungen, zur Rettung seiner Ehre dasWort zu ergreifen. Er habe Memoiren über seine Amtsführungverfaßt, und wünsche, daß ich Einsicht davon nehme, und ihm dannmeine Ansicht mitteile, ob der jetzige Zeitpunkt zur Veröffentlichungderselben geeignet sei. In einigen Tagen werde er wiederkommen,um sich meine Antwort zu holen.

Gleich nach seinem Weggang setzte ich mich zur Lektüre desdicken Manuskripts, fand mich sofort in der stärksten Weise gefesselt,und stand nicht eher vom Tische auf, bis ich den Band bis zumSchlüsse gelesen. Es waren nicht eigentlich Memoiren, die ich vormir hatte, sondern etwas Besseres: Kopien oder Analysen von Akten-stücken, nach den darin behandelten Fragen gruppiert, überall mitden Nummern der betreffenden Archivrepositur versehen, dazwischenHartwig, Aus dem Leben. 21