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sind für die Gegenwart schon gänzlich in dem Stromeder Vergangenheit untergetaucht oder „gemahnen uns wie
nur so viel Erzählung als für das Verständnis des Zusammenhangsunerläßlich war. Der Inhalt überstieg alle Begriffe. Um das stetssich wiederholende Verhältnis kurz zu bezeichnen, irgend eine Laune,eine kleine Bequemlichkeit, ein Privatoorteil des regierenden Herrnwar stets ausreichend gewesen, um für die wichtigsten Landesinter-cssen Zerstörung oder doch Jahre lang Verschleppung herbeizuführen,trotz der nachdrüellichsten Anstrengungen des Ministers. Ich erwogdie mir vorgelegte Frage stundenlang, und erklärte endlich HerrnKoch, ich könne die Verantwortung nicht auf mich nehmen, unterdcu vorliegenden Verhältnissen zur Herausgabe der Memoiren zuraten. Denn ich vermöchte nicht abzusehen, wie nach der Veröffent-lichung des Buches ein Ausbruch der allgemeinen Entrüstung undder sosortige Sturz des Kurfürsten ausbleiben könnte; die Folgenaber einer solchen Explosion bei der damaligen Gesamtlage Deutsch-lands vermöchte niemand voraus zu berechnen, während bei derFortdauer des Märzministeriums ein, wenn auch mühsames Voran-schreiteu in zweckmäßigen Reformen, immerhin möglich sei. HerrKoch stimmte zu und die Veröffentlichung unterblieb. Meine Hoff-nung auf allmähliche Besserung erwies sich allerdings anderthalbJahre später als eine jugendliche Täuschung, und oft genug, gesteheich, hat sich mir später die Frage erhoben, ob ich damals im No-vember das Richtige getan. Indessen schließlich kam ich doch stetszu der Überzeugung zurück, daß ich unter gleichen Umständen michwieder in gleichem Sinne entscheiden würde.
Es sind nun eben diese Kvchschen Memoiren, aus welchen hier,in abkürzender und zusammenfassender Bearbeitung, ein Abschnittmitgeteilt wird. Das Manuskript, welches ich im Jahre 1848 durch-sah, enthielt manche pikantere und skandalösere Dinge, vor denenaber das vorliegende Bruchstück, wenn ich nicht irre, ein allgemeineresInteresse voraus hat. Der Kurfürst zeigte sich hier derselbe wieallerorten sonst. Aber auch der Minister verniag sich bei dem bestenund redlichsten Willen nicht von alten Irrtümern loszumachen. Alsder letzte Grund der leidigen Ergebnisse tritt überall die Enge derkleinstaatlichen Verhältnisse hervor, welche dem Fürsten auch dieLaunen des Plantagenbesitzers berechtigt erscheinen lassen und demStaatsmanne das richtige Urteil über ein einigermaßen verwickeltesProblem fast unmöglich machen. So ist der Aussatz höchst geeignet,den Gewinn, welchen Hessen durch den Eintritt in ein großes Staats-wesen gezogen hat, von neuem anschaulich zu machen."