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schließlich ein Ende mit Schrecken nimmt. Persönliche Er-lebnisse, die ich zu machen hatte, und die allgemeine Stim-mung, auf die ich mit wenigen Ausnahmen bei jnng undalt stieß, konnten mich in meinem Urteile nur bestärken. „Sogeht es nicht lange mehr weiter!" „Aber was dann?" sohörte ich von allen Seiten fragen. Nicht als ob bei den soFragenden irgendwie eine revolutionäre Stimmung geherrschthätte. Nichts weniger als das. Man war auch nicht aufgeregt.Man stand den kommenden Ereignissen vielmehr zweifelndund ratlos gegenüber. Daß große Dinge hereinbrechen würden,fühlte man mehr oder weniger allüberall. Daß sie auf dieGeschicke Kurhessens von entscheidender Bedeutung werden müß-ten, das war gar vielen nach der jüngsten Vergangenheit desLandes und seiner geographischen Lage zweifellos. Aber manwußte doch nicht recht, zu welcher der beiden großen, umdie Vorherrschaft in Deutschland ringenden Mächte man sichschlagen, welche Partei man ergreifen solle. Vielen lag dieErinnerung an das Jahr 1850 noch auf der Seele. Allge-mein war damals die Empfindung verbreitet gewesen, daßPreußen das kurhessischc, nur sein Recht verteidigende, Volkim Stiche gelassen habe. Und schien jetzt nicht in Preußen die Partei am Ruder zu sein, die damals das gute Recht hattebeugen und unterwerfen helfen, schien nicht Herr von Bis-marck mit der Preußischen Verfassung umzugehen und um-gehen zu wollen, wie weiland Hassenpflug mit der kurhessi-schen? Er hatte diese freilich wiederherstellen helfen, aberman glaubte hierin nur einen rein politischen Schachzug zuerblicken, dem ebensogut ein entgegengesetzter hätte folgenkönnen, wenn es die Verhältnisse ihm im Interesse Preußens würden rätlich haben erscheinen lassen. Nur ganz vereinzelteWenige, die sich damals aber noch nicht öffentlich hervor-wagten, hatten einiges, wenn auch nicht unbedingtes Ver-trauen zu den Plänen Bismarcks. Überwog im allgemeinendie Stimmung, daß man sich eher an das benachbarte prote-stantische Preußen, als au das katholische Österreich , das