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in Berlin von seinem Schwiegervater kräftig bestärkt, entsprachan entscheidender Stelle diesen Ermahnungen nur zu sehr,verließ Berlin am 15. Juni Abends, suchte Morgens Vs6 am16. den kurhessischen Minister des Auswärtigen auf, fuhr mitihm nach Wilhelmshöhe zum Kurfürsten, der ihn hocherfreutaufnahm und ihn sofort zum Höchstkommandierenden der andiesem Tage nach Frankfurt abziehenden kurhessischen Truppenernannte. Durch sein wenig taktvolles Auftreten — er wolltegleich den Hans- und Staatsschatz mit nach Frankfurt nehmenusw. — brachte er aber den Kurfürsten so außer sich, daßdieser ihn noch an demselben Tage seines Kommandos wiederenthob. Nichtsdestoweniger beteiligten er und seine Gemahlinsich in der Nähe Frankfurts noch an feindseligen Demon-strationen gegen Preußen, z. B. der Schmückung der Fahnendes 9. Armeekorps der Bundesarmee mit rot-schwarz-goldenenBändern. Dieses soll man der preußischen Prinzessin in Berlin besonders übel genommen haben. Sie wurde daher auch, alssie unmittelbar vor der Verkündigung der Annexion Hessens nach Berlin reisen und dort womöglich das Festbeschlossenewieder rückgängig machen wollte, in Magdeburg durch denPolizeipräsidenten an der Weiterreise verhindert. Das HansBrabant hatte aufgehört, in Kurhessen zu regieren.
Über die Art und Weise, wie Preußen den alten hessischenStammesstaat sich in den nächsten Jahren angegliedert hat,gibt die Schrift Otto Bährs zur Genüge Auskunft. Anschei-nend kühl und objektiv referierend berichtet er über alle wich-tigen Vorgänge dieser Aktion. Aber man merkt doch dem Refe-rate an, wie sein Verfasser innerlich über die vielen.Mißgriffe,welche hierbei die Preußische Regierung unter der Leitung desHerrn von der Heydt, des Grafen von der Lippe und des Herrnvon Mühler gemacht hat, aufs Tiefste erzürnt ist. Er ver-schweigt auch nicht, wie hessische Volksvertreter allzu ver-trauensselig bei diesen Vorgängen, ganz gegen ihre Absichtfreilich, mitgewirkt und die Interessen Kurhessens aufs Em-pfindlichste geschädigt haben.