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Studien über Geld- und Bankwesen / von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
181
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nun die gewaltige Aufwärtsbewegung, welche nun schon seit vierJahren ohne Unterbrechung andauert und ihren Höhepunkt nochnicht erreicht zu haben scheint, ein Aufschwung der an Dauer undStärke in der neueren Wirtschaftsgeschichte unübertroffen ist. Inseiner Folge nahmen die an dieHeichsbank herantretenden Ansprücheeinen solchenUmfang an, dass ihr ungedeckterNotenumlauf eine ganzungewöhnliche Steigerung erfuhr. Bis zum Ende des Jahres 1895war das Maximum des durchschnittlichen ungedeckten Noten-umlaufs, das seit dem Bestehen der Reichsbank erreicht wordenist, 152 Mill. M. im Jahre 1890. Im verllossenen Jahr betrugder Durchschnitt der von der Reichsbank ausgegebenen ungedecktenKoten 238,7 Mill. M., und im laufenden Jahr wird er diese imVergleich zu den früheren Jahren unerhört hohe Zahl noch über-schreiten. Während bis zum Ende des Jahres 1895 das Maximumdes ungedeckten Notenumlaufs, das in einem Wochenbericht aus-gewiesen wurde, 441,7 Mill. M. betrug (am 31. Dez. 1895, alssich der beginnende Aufschwung schon fühlbar machte), ist derungedeckte Notenumlauf am 30. September dieses Jahres auf664,6 Mill. M. angekommen.

Auch wenn die indirekte Kontingentierung des Notenumlaufsnicht vorhanden wäre, müsste die Reichsbank einer solchen ge-waltigen Ausdehnung ihres Notenumlaufs durch hohe Diskontsätzeentgegenzuwirken suchen. So erfreulich auch die Ursachen seinmögen, welche die grosse Steigerung des Geldbedarfs und dadurchdie unerhörte Ausdehnung des ungedeckten Notenumlaufs herbei-geführt halien, so wenig darf die Leitung der Reichsbank denGesichtspunkt vernachlässigen, dass auch die gesundeste Ent-wickelung an einem kritischen Punkt anlangen muss, wenn siedas Mass der vorhandenen Mittel überschreitet. Solide Geld-und Kreditverhältnisse sind die erste Vorbedingung für das wirt-schaftliche Gedeihen, und deshalb muss eine Zentralbank, welcheden Brennpunkt des gesamten Geld- und Kreditverkehrs darstellt,die Sicherheit ihres eigenen Standes, vor allem die Einlösbarkeitihrer Noten, über alles stellen. Deshalb hat sich die Reichsbankin der letzten Zeit genötigt gesehen, mit ihrem Diskont zeitweiligüber die 5°/ 0 , welche zur Deckung der Notensteuer erforderlichsind, hinauszugehen. Sie hat von Mitte November 1898 bis indie zweite Hälfte des Januar 1899 einen Diskontsatz von 6°/ 0 gehaltenund sie ist in diesem Jahr bereits in den ersten Tagen des Oktober