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Trotzdem hatte sich durch die Steigerung des Verkehrs-bedarfes an Silbergeld, verbunden mit der grossen Vermehrungdes Goldbestandes der Reichsbank, die Lage des deutschen Geld-wesens so sehr gebessert, dass man den durch die vorzeitig«Einstellung der Silberverkäufe herbeigeführten Missstand alseinen blossen Schönheitsfehler bezeichnen konnte. Gleichzeiighatte das fortgesetzte Sinken des Silberpreises die Wiederaufnahmeder Silberverkäufe wesentlich erschwert. Als Fürst Bismarck dieVerkäufe suspendierte, stellte sich der Silberpreis in Londor auf50'/ 4 d; heute notiert er nur 27 d. Die aus den Silberverkaufenzu erwartenden Verluste haben sich dadurch mehr als verdrei-facht. Schliesslich war die Machtstellung der DoppelwäLrungs-freunde allmählich eine so grosse geworden, dass an eine Wieder-aufnahme der Silberverkäufe nicht zu denken war. Die An-hänger der Goldwährung befanden sich allenthalben, nicht nurin Deutschland, in der Defensive; für sie galt es vor allem denbestehenden Zustand, trotz seiner Mängel, gegenüber dembimetallistischen Ansturm zu verteidigen. Alle diese Verhältnisseschlössen jeden Fortschritt aus; denn die Beseitigung einesSchönheitsfehlers, die nur unter grossen finanziellen Opfern zuerreichen wäre, ist keine Aufgabe für .eine Partei, die genug mitder Verteidigung des Bestehenden zu thun hat.
In den letzten Jahren hat sich jedoch mancherlei ge-ändert. '
Vor allem haben sich die Nachteile der hinkenden Gold-währung mit ihrem Übermass von Silbergeld wieder recht fühl-bar gemacht. Der grosse Aufschwung der deutschen Volks-wirtschaft hat seit 1895 beträchtliche Summen von Metallgeld,besonders von Gold absorbiert, und infolgedessen hat der Metall-vorrat der Reiehsbank eine starke Verringerung erfahren, dienamentlich den Goldbestand betroffen hat. Solange die Reichs-bank einen durchschnittlichen Metallbestand von mehr als einerMilliarde aufweisen konnte, war es unbedenklich, dass davon300 Mill. M. auf das Silber entfielen. Aber schon im verflossenenJahr, dessen durchschnittlicher Metallvorrat nur noch 850 Mill. M.betrug, war es nicht mehr gleichgiltig, dass davon nahezu 270 Mill. V.in Silber und nicht vielmehr als 580 Mill. M. in Gold bestanden.Vollends an einzelnen besonders ungünstigen Ausweistagen, woder Goldbestand bis auf 450 Mill. M. heruntergegangen sein