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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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aufgeregt ist und leicht sich selbst und andere vergißt; der Russe ist eben des-halb selbstsicher, weil er nicht weiß und nichts wissen will, da er nicht glaubt,daß man etwas vollständig wissen kann; der Deutsche ist schlimmer, hartnäcki-ger und abstoßender als alle in seiner Selbstsicherheit; denn er bildet sich ein.die Wahrheit zu kennen, das heißt die Wissenschaft, die er selbst ausgedacht,die für ihn aber eine absolute Wahrheit darstellt.

Zur Charakteristik des nationalen Genius in Hinsicht auf Fremdes und Ent-lehntes liefert Nietzsche (Wille zur Macht; Nr. 35) folgenden Beitrag:Der englische Genius vergröbert und vernatürlicht alles, was erempfängt;

der französische verdünnt, vereinfacht, Iogisiert, putzt auf;der deutsche vermischt, vermittelt, verwickelt, vermoralisiert;der italienische hat bei weitem den freiesten und feinsten Gebrauch vomEntlehnten gemacht und hundertmal mehr hineingesteckt als herausgezogen: alsder reichste Genius, der am meisten zu verschenken hatte.

Wie dereinzige Historiker unserer Zeit, der (nach Nietzsche ) etwasgilt: H. Ta ine die drei westeuropäischen Nationen beurteilt, ersehen wir ausfolgender Gegenüberstellung in der Histoire de la Literature anglaise (p. XIV):L A 11 e m a g n e , avec son genie, si pliant, si large, si prompt aux möta-morphoses, si propre ä reproduire les plus lontains et les plus bizarres etats dela penseö humaine;

lAngleterre, avec son esprit si exact. si propre ä serrer de pres lesquestions morales ä les pröciser par les chiffres, les poids, les mesures, la geo-graphie, la statisque ä force de textes et de bon sens;

la France enfin avec sa culture parisienne, avec ses habitudes de salon, avecson analyse incessante des caractöres et des oeuvres, avec son ironie si prompteä marquer les faiblesses, avec sa finesse si exercöe ä dömeler les nuances...Interessant sind Vergleiche, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts einscharfer Beobachter zwischen Franzosen und Deutschen anstellt,worin der Franzose als der gestanzte Schablonenmensch, der Deutsche als derindividuell eigenartige, jeder Uniformierung abholde Mensch dargestellt werden:Siehe Bog. Goltz, Der Mensch und die Leute (1858), Die Franzosen , S. 19ff.

Ganze Schichten und Korporationen, die Weiber und die Männer, die Epi-ciers, die Apotheker, die Studenten, die Doktoren, die Advokaten, die Akademi-ker, die Ouvriers, die Karrenführer, die Chiffoniers, die Komödianten, dieBörsenmänner, die Hanswürste und die Priester haben alle ihre stereotypenRedens- und Lebensarten; stellen sich mehr als die Träger ihres Standes, ihresGewerbes oder ihrer Kunst, als wie selbständige Personen dar...

... So fein, so verständig und delikat zugleich, wie ein deutscher Menschalle leisesten Schattierungen, Rhythmen und Metamorphosen des Herzens wie desGeistes in der Gebärde und Stimme wiedergibt, so lut es ihm nicht einmal derItaliener und der Spanier, geschweige der Franzose nach ... Zwei Deutsche tragendieselbe Sache mit merklich abweichendem Kolorit und Akzent, mit wesentlichverschiedenem Verstände, mit ganz anderem Gewissen und Rhythmus, mit ganzverschiedener Palette vor... aber Franzosen (!)... deklamieren, räsonieren,gestikulieren, kolorieren und geigen alle aus demselben Stil und Ton. Es kannnicht anders sein, denn sie schöpfen... aus demselben Brunnen; ihre Seelen