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Die Revolution von 1848 und 1849,
Über alle diese Fragen wurde nicht einmal ans dem Papiereine Entscheidung getroffen, und diese Unklarheit über die Grund-frage der Reichsverfassuug, ob der Staat mehr als eiu Einheits-staat oder als loser Staatenbund zn organisieren sei, lahmte dieRegierung bei jeder wichtigeren Entscheidung. Nicht bloß gegen-über den Beschlüssen des Franksurter Parlaments und den For-derungen der Polen trat das hervor, sondern auch bei Fragen derinneren Reform, wie bei dem Antrag auf Beseitigung der Feudal-lasteu. Um so wcuigcr waren die Minister imstande, den Agi-tationen der Ausschüsse und Vereine Zügel anzulegen. Thatsächlichübte in Wien ein aus Arbeitern, Studenten und ähulicheu Ele-menten gebildeter Ausschuß, der sogenannte Sicherheitsausschuß,eiuen übermächtigen Einfluß, vor dem die Minister oft ganz inden Hintergrund traten, und es charakterisiert die Zustände, das;in diesem Ausschuß ein zwanzigjähriger Student, Namens Willmer,zu großer Bedeutung gelangte. Man nannte ihn den Arbeiter-kvuig, weil er mit seinem idealistischen Wesen die Massen brot-loser Arbeiter, die bei Erdarbeiten beschäftigt wurden und die fürjeden Tumult eine Art Heer bildeteu, zu lenken verstand. Erkonnte ihnen sagen, was andere nicht zu sagen wagten. Im ganzenwar also das aus der Märzbewegung hervorgegangene Regimentohne Erfolg, nur die Thätigkeit des Reichstags brachte größereFrucht. Namentlich der Kampf nm den Antrag Kndlich auf Be-seitigung der Fronden uud^ sonstigen Feudallasten der Bauernrief eine Menge von Kräften wach, auch bäuerliche Abgeordneteentwickelten hier eine lebendige Teilnahme. Am 7. September 1848wurde das Gesetz zur Annahme gebracht und damit eine segens-reiche Umwälzung eingeleitet, die auch durch die folgende politischeReaktion nicht wieder beseitigt werden konnte.
Alls der Unklarheit über die Gestaltung des Staates erwuchsauch der Anlaß, der den Bruch zwischeu Wien und der kaiserlichenRegierung herbeiführte. Man wird schwerlich sagen können, daßdie extremen Forderungen der Partei Kossuth von Wien gebilligtwurden, aber man hatte auch kein Programm, das man ihr mitKlarheit hätte entgegenstellen können, und fühlte, daß eine Unter-werfung Ungarns mit Hilfe der in Prag siegreichen Trnppen und